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Institut Dr. Flad
Berufskolleg für Chemie, Pharmazie und Umwelt

Ausbildung mit Markenzeichen. Seit 1951.

"Ein Global Marshall Plan als Perspektive für die Welt"

Prof. Dr. Dr. Franz Josef Radermacher, Forschungsinstitut für anwendungsorientierte Wissensverarbeitung, Ulm

Gastvortrag am 20. Februar 2006 um 13.30 Uhr im Institut Dr. Flad

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Im Rahmen der regelmäßigen Gastvorträge stellte Prof. Dr. Dr. Franz Josef Radermacher am 20. Februar die Ziele der Global Marshall Plan Initiative vor. Prof. Radermacher ist Mitglied des Club of Rome, der bereits 1972 in einer viel beachteten Veröffentlichung auf die "Grenzen des Wachstums" hinwies. Bevölkerungsentwicklung, Umweltverschmutzung, Endlichkeit der Rohstoffe und extreme Ungleichheit bezüglich des Wohlstandes - all das sind Probleme, die nach wie vor brisant sind.

größer Als einer der Initiatoren für einen neuen, einen globalen Marshall Plan beschäftigt sich Prof. Radermacher u.a. mit der rasanten Bevölkerungsentwicklung. 1865 lebten ca. eine Mrd. Menschen auf der Erde. Im Jahr 2 000 waren es bereits rund sechs Milliarden und für das Jahr 2050 werden neun bis zehn Mrd. prognostiziert.

Gleichzeitig nehmen die Ressourcen ab. Laut Prof. Radermacher ist der Kampf um die restlichen fossilen Vorräte bereits in vollem Gange, da im Zuge der fortschreitenden Technisierung (Stichwort Elektronikschrott) und der enormen Wachstumsraten von Ländern wie China und Indien der Energiebedarf weiter zunehmen wird.

Verschärft werden diese Tendenzen durch die extreme Benachteiligung des größten Teils der Erdbevölkerung: Lediglich 20% der Menschheit partizipieren am Wohlstand. Die Macht der Gewohnheit, Prof. Radermacher sprach vom "Großvaterprinzip", verhindert eine Balance. Zudem, so der Referent, sind starke Kräfte in der Politik, in der Wirtschaft und in den Medien daran interessiert, den Status quo zu erhalten und Veränderungen hin zu mehr Verteilungsgerechtigkeit zu verhindern. Sie benutzen die Globalisierung als "Hebel", um die Demokratie zu beseitigen.

Wie kann trotz dieser Rahmendingungen Frieden zwischen den Menschen und Frieden zwischen Mensch und Umwelt verwirklicht werden? Nur dann, wenn die Ressourcenfrage gelöst wird, kann die Menschheit überleben. Anders formuliert: Die Natur kann ohne uns leben, wir aber nicht ohne sie! Ausgehend von der Systemtheorie entwickelte Prof. Radermacher drei mögliche Szenarien für die Zukunft.

Variation Nr. 1:
Es kommt zum Kollaps, falls wir die ökologischen Herausforderungen nicht lösen. Die Osterinseln sollten warnendes Beispiel sein. Die Wahrscheinlichkeit für einen weltweiten Zusammenbruch wird mit 15% veranschlagt.

Variation Nr. 2:
Zu 50% droht die Gefahr einer "Brasilianisierung". Wenigen Superreichen steht ein Heer von Unterprivilegierten gegenüber. Weil ein großer Teil der Bevölkerung schlecht ausgebildet ist, muss er sich mit einfachsten Dienstleistungen für die Reichen begnügen. Eine solche Entwicklung führt schließlich zum weltweiten Zusammenbruch des Mittelstandes.

Variation Nr. 3:
Die Chancen, eine ökosoziale Marktwirtschaft zu verwirklichen, betragen laut Prof. Radermacher 35%. Ein erster Schritt hierzu sind die Millenniumsziele, die die UN im Jahr 2000 formulierten. Basis jeder nachhaltigen Entwicklung ist die Bildung. Sie ist unabdingbar für die Verwirklichung der anvisierten Ziele und die Zukunftsinvestition schlechthin. Des weiteren fordern die Unterzeichner der Global Marshall Initiative die Besteuerung von globalen Transaktionen. Ökologisch betrachtet sind z.B. Billigflüge nicht zu verantworten. Würden die "wahren" Preise für Kerosin berechnet, so müssten die Energiekosten drastisch steigen. Zudem sollten die ungehindert fließenden Finanztransaktionen kontrolliert bzw. besteuert werden. Bereits heute übersteigt deren Volumen das der klassischen Handelsströme um das Hundertfache. Eine Besteuerung der "Plündertruppen" von 0,01 % führt zu jährlichen Einnahmen von rund 100 Mrd. US-Dollar. Dieses Geld wäre für die Verwirklichung der Millenniumsziele bestens angelegt. Dass auch mit sehr wenig Geld dennoch viel erreicht werden kann, verdeutlichte Prof. Radermacher am Beispiel von Kleinstkrediten für Frauen.

Jeder von uns kann dazu beitragen, die ungerechten Zustände zu ändern. Entwicklung fängt im Kopf an - so eine der wichtigen Botschaften von Prof. Radermacher. Sein spannender Vortrag hinterließ bei den Zuhörern nachhaltigen Eindruck. Uns wurde drastisch vor Augen geführt, dass die enormen globalen Probleme auch uns unmittelbar betreffen.

Angela Schmitt-Bucher

 
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Der Global Marshall Plan

Zu diesem Thema lud das Institut Dr. Flad am 20.02.2006 die gesamte Schülerschaft und das Kollegium in den Großen Hörsaal ein. Prof. Dr. Dr. Franz Josef Radermacher, der seit 1987 Leiter des Ulmer Forschungsinstituts für anwendungsorientierte Wissensverarbeitung und promovierter Mathematiker und Wirtschaftswissenschaftler ist, wurde auf das herzlichste von Herrn Wolfgang Flad begrüßt und in Stuttgart willkommen geheißen.

Anschließend stellte ihn Frau Schmitt-Bucher kurz vor. Sie führte zu diesem Zweck ein paar Meilensteine in der Lebensgeschichte des Professors an. So ist er z.B. Mitglied im Club of Rome. 1997 gewann er den Wissenschaftlichen Preis der Gesellschaft für Mathematik, Ökonomie und Operations Research.

Nach dieser informativen Ansprache kam schließlich Prof. Radermacher selbst zu Wort, wobei schon zu Beginn seines Vortrages deutlich wurde, wie sehr er von seinem Plan und dessen Umsetzbarkeit überzeugt ist. Zunächst, so Prof. Radermacher, wolle er Überlegungen bezüglich der Zukunft der Menschheit schildern. Überlegungen, auf deren Hintergrund letztendlich der Global Marshall Plan entstand.

Die zentralen Fragen lauten:

  1. Wie ist die derzeitige Situation der Menschheit?
  2. Welche Perspektive hat sie bis zum Jahr 2050?
  3. Wie ist die Entwicklung der Menschheit zu sehen?

So stellte er gleich zu Beginn fest, dass vor allem die Bevölkerungsentwicklung ein wichtiges Thema für die Zukunft ist, da durch immer bessere technologische Möglichkeiten die Lebenserwartung weiter ansteigt. So ist Prof. Radermacher der Meinung, dass es durch diese Dynamik zu einer rasanten Entwicklung der Menschheit kommen wird. Er berichtete, dass die Zahl der auf der Erde lebenden Menschen lawinenartig zunimmt und ein Ende dieses gewaltigen Zuwachses nicht in Sicht ist.. Daher ist er der Ansicht, dass es bis zum Jahr 2050 acht bis zehn Milliarden Menschen auf unserem Planeten geben wird, wobei es bereits jetzt schon zu einer ungleichen Verteilung der Ressourcen kommt.

So informierte Herr Radermacher uns darüber, dass die Reichen der Welt (ca. 20%, der Erdbevölkerung) ungefähr 80% vom "Kuchen" hätten. Da die Ressourcen endlich sind und wir bereits jetzt mehr verbrauchen als wir eigentlich zur Verfügung haben, lässt sich leicht erkennen, dass in absehbarer Zeit der Globus zusammenbricht.. So suchen verschiedenste Menschen, unter ihnen Prof. Radermacher, nach einem Ausweg.

Bei der Vorstellung, dass einfach alle Ärmeren reicher und alle Reichen ärmer werden müssten, um einen sozialen Ausgleich zu schaffen, musste sogar Herr Radermacher lächeln, da dies sich nach seiner Ansicht nicht verwirklichen ließe. Grund für diese Meinung ist, dass alle reichen Menschen sich an ihren Standard bereits zu sehr gewöhnt haben.

So spielt auch die Medienwelt in dieser Hinsicht eine wichtige Rollte, meint Prof. Radermacher, da sie uns zeigt, wie es sein könnte und in uns den Wunsch weckt, dieses zu erreichen. Daher sagt er, dass die anderen (Ärmeren) auf unser Niveau aufschließen müssten.

Eine zweite "Lösung" wäre die Technologie. Dabei kann es aber zu einem Bumerangeffekt kommen, der besagt, dass durch mehr Technologie die Menschen immer länger leben und das auf einem hohem Niveau und anschließend wieder mehr Technologie entwickeln. Daher würde die Zukunftsherausforderung laut Herrn Radermacher darin bestehen, den Bumerangeffekt zu vermeiden und eine Verknüpfung von Intelligenz und Technologie stattfinden zu lassen.

Prof. Radermacher ist der Meinung, dass es nur drei Möglichkeiten für die Zukunft der Menschheit gibt.

1. Fall: Kollaps (15% Wahrscheinlichkeit)
  In diesem Fall würde es zu einem Massensterben von Menschen wegen einer unnatürlichen Todesursache kommen. Durch die Panik, die bei der Annäherung an diesen Fall entstehen würde, würde es nur zu einer Beschleunigung des Kollapses kommen. Hierfür nannte er das Beispiel Osterinseln.
 
2. Fall: Brasilianisierung (50% Wahrscheinlichkeit)
  Die Spanne zwischen Arm und Reich vergrößert sich weiter. Große Bevölkerungsteile werden verelenden.
 
3. Fall: Ökosoziales Modell (35% Wahrscheinlichkeit)
 

Hierbei käme es zu einem "Vertrag" zwischen Arm und Reich, der Umweltschutz und Ausbildung allen zugesteht.
Der Global Marshall Plan erstellte hierfür fünf Punkte (Wofür kämpfen wir?):

  1. Ökosoziale Marktwirtschaft, Umsetzung der Millenniumsziele
  2. 100 Milliarden Dollar pro Jahr für sozialen Ausgleich
  3. Besteuerung von globalen Transaktionen
  4. Sorgen für ein vernünftiges institutionalisiertes Modell (Co-Finanzierung)
  5. Projekt-Förderung
 

Prof. Radermacher verstand es, seinen Vortrag für jeden leicht verständlich zu gestalten und durch eine Hand voll gut gewählter, anschaulicher Beispiele wurde das Thema Globaler Marshall Plan für viele anschaulich und nachvollziehbar.

Stephanie Kreutzer, LG 56

 
Prof. Dr. Dr. Franz Josef Radermacher

Prof. Dr. Dr. Franz Josef Radermacher

Seit 1987/2005 Leiter des Forschungsinstituts für anwendungsorientierte Wissensverarbeitung (FAW) in Ulm (seit 2005 FAW/n). Gleichzeitig C4-Professor für "Datenbanken und Künstliche Intelligenz" an der Universität Ulm.

Jahrgang 1950, verheiratet, 1 Sohn. Promovierter Mathematiker und Wirtschaftswissenschaftler (RWTH Aachen 1974, Universität Karlsruhe 1976), Habilitation in Mathematik an der RWTH Aachen 1982. 1983-1987 Professor für Angewandte Informatik an der Universität Passau. 1987-2004 Leiter des Forschungsinstituts für anwendungsorientierte Wissensverarbeitung (FAW) in Ulm sowie Professor für Datenbanken und Künstliche Intelligenz an der Universität Ulm. 1988-1992 Präsident der Gesellschaft für Mathematik, Ökonomie und Operations Research (GMÖOR). 1990-1993 Mitglied im Landesforschungsbeirat, 1992-1993 Mitglied in der "Zukunftskommission Wirtschaft 2000", 1994-1996 Mitglied im "Innovationsbeirat" und 1995-1996 Mitglied der Enquête-Kommission "Entwicklungschancen und Auswirkungen neuer Informations- und Kommunikationstechnologien Baden-Württemberg (Multimedia-Enquête)". 1995-2001 Mitglied im "Information Society Forum" der Europäischen Kommission (1997-2001 zugleich Leiter der Arbeitsgruppe 4 "Sustainability in an Information Society" sowie Mitglied des Steering Committee). 1997-2001 Sprecher der Arbeitsgruppe "Informationsgesellschaft und Nachhaltige Entwicklung" im Forum Info 2000 / Forum Informationsgesellschaft der Bundesregierung. 1997 Preisträger des Wissenschaftlichen Preises der Gesellschaft für Mathematik, Ökonomie und Operations Research (GMÖOR). 1997 Berufung in den wissenschaftlichen Beirat der EXPO 2000 GmbH für die Themenbereiche "Planet of visions" und "Das 21. Jahrhundert". Seit 2000 Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats beim Bundesministerium für Verkehr, Bau- und Wohnungswesen (BMVBW). Seit 2000 Sprecher des "Global Society Dialogue" des Information Society Forums der EU. Seit 2001 Vizepräsident des Ökosozialen Forums Europa. Seit 2002 Mitglied im Beirat der Landesregierung Baden-Württemberg für nachhaltige Entwicklung sowie Mitglied in der Jury für die Auswahl des Deutschen Umweltpreises. 2002 Mitglied im BahnBeirat der Deutsche Bahn AG. 2002 Mitglied im Club of Rome. 2003 Berufung in den Beirat art, science & business der Akademie Schloss Solitude, Stuttgart. 2003 Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirates sowie 2005 Präsident des Bundesverbandes für Wirtschaftsförderung und Außenwirtschaft (BWA). Mitglied im Deutschen Nationalkomittee der UNESCO für die Weltdekade "Bildung für nachhaltige Entwicklung" 2005 - 2014. Seit 2004 Vorsitzender des Wirtschaftspolitischen Beirates der Kärntner Landesregierung.

Prof. Radermacher ist Autor von über 300 wissenschaftlichen Arbeiten aus den Bereichen Angewandte Mathematik, Operations Research, Angewandte Informatik, Systemtheorie sowie tangierten Fragen der Technikfolgenforschung und der Ethik / Philosophie; letzteres auch mit Bezug auf globale Problemstellungen. Gesellschaftspolitische Interessenschwerpunkte betreffen den Übergang in die Informationsgesellschaft, lernende Organisationen, Umgang mit Risiken, Fragen der Verantwortung von Personen und Systemen, umweltverträgliche Mobilität, nachhaltige Entwicklung, Überbevölkerungsproblematik.

Das Forschungsinstitut für anwendungsorientierte Wissensverarbeitung/n (FAW/n) ist eine rechtsfähige gemeinnützige Stiftung bürgerlichen Rechts mit den folgenden Stiftern: AL-KO Kober AG, Deutscher Sparkassen Verlag, Kühn Holding GmbH, Müller Weingarten AG, M+W Zander Holding GmbH, Verband der Sparda-Banken e.V., Stadt Ulm, Stadtsparkasse Köln, UNiQUARE Financial Solutions, Zwick-Roell GmbH & Co. KG. Das Institut betreibt Forschung und Entwicklung auf dem Gebiet der anwendungsorientierten Wissensverarbeitung mit Bezug zu Unternehmen und Wirtschaft. Dies geschieht vor dem Hintergrund der Themen Globalisierung, Nachhaltige Entwicklung, Weltbevölkerungsentwicklung, interkultureller Dialog, Umweltschutz, soziale Fragen, Wertschöpfungsmaximierung, Funktion und Struktur von Märkten, Welthandel, Funktion des Staates, Global Governance und dem Weg in die weltweite Informations- und Wissensgesellschaft.