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Institut Dr. Flad
Berufskolleg für Chemie, Pharmazie und Umwelt

Ausbildung mit Markenzeichen. Seit 1951.

Wer nicht liest, hat mit sich abgeschlossen

Lesung der Schriftstellerin Mirjam Pressler

am Institut Dr. Flad, 9. April 2008

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"Ich habe angefangen zu schreiben, weil ich als allein erziehende Mutter Geld brauchte", sagt Mirjam Pressler über den Beginn ihrer Schriftstellerlaufbahn. Heute ist sie eine der meistausgezeichneten Autorinnen der Gegenwart. Als Mädchen bedeutete Lesen für sie die Flucht aus der sozialen Enge der Pflegefamilie, als Erwachsene entkam sie durch das Schreiben einer existenziellen Bedrängnis. Geschichten sind für Mirjam Pressler lebenswichtig. Von daher erklärt sich ihr Satz "Ich kann ohne Sprache nicht sein".

Bücher enthalten viele Worte, und sie antworten auch auf viele Fragen. Aber wenn man mit ihnen in Dialog treten will, sind sie stumm. Hintergründe bleiben im Verborgenen, und auch die Autorin hinter dem Werk. Die Flad-Schüler in der großen Aula hatten am 8. April die spannende Gelegenheit, eine echte Autorin kennen zu lernen. Mirjam Pressler kam, las aus ihrem Buch "Malka Mai" einige Passagen vor, erzählte die ganze Geschichte mit eigenen Worten, erläuterte die Hintergründe, verriet ein wenig über sich - und siegte in den Herzen ihrer Zuhörer.

"Malka Mai” ist ein Stoff, der keinen kalt lässt, ein dokumentarischer Roman über ein erst 7 Jahre altes jüdisches Mädchen, das von ihrer Mutter im Krieg auf der Flucht vor den Nazis zurückgelassen wird - und sich über 7 Monate hinweg selbst helfen muss. Einsam, hungernd, umgeben von Totschlag und Mord. Die ersten Passagen aus dem Mund der Autorin: bedrückend, faszinierend, ein Buch, das man nie mehr vergisst. Malka wird in ein Ghetto gebracht. Dort entwickelt sie mit großem Überlebenswillen ungeahnte Kräfte. Ohne Mutter übersteht sie die Verfolgungen der Nazis. Mit viel Einfühlungsvermögen und Fantasie schildert Mirjam Pressler ein fesselndes und aufwühlendes Flüchtlingsdrama eines kleinen Mädchens.

Dann fängt Mirjam Pressler an zu erzählen, was der Roman nicht erzählt und was auch nicht im Klappentext steht: Wie sie an die Vorlage dieser wahren Begebenheit kam, warum Malka Mai sie persönlich darum bat, das Buch zu schreiben - und warum sich Malka Mai an das Erlebte nicht erinnern mag. Mit anderen Worten: Wie es kommt, dass ein Buch nach einer wahren Begebenheit bis auf die Eckdaten nichts weiter als Fiktion ist. Ein einzigartiges literarisches Experiment und Meisterstück.

Es sind die Schicksale von Kindern und Müttern, die Mirjam Pressler in ihrem Werk interessieren. Und sie kann nur über jene Dinge schreiben, die sie interessieren. "Wenn mich ein Stoff plötzlich nicht mehr interessiert, höre ich sofort auf." Für all das gibt es einen Grund, und der liegt in ihrer eigenen Kindheit, die geprägt war vom Verlust der Eltern, vom Aufwachsen bei Pflegeeltern unter schwierigen Bedingungen. Als junges Mädchen, schildert Mirjam Pressler, suchte sie Rat in den Büchern. "Kinder wie ich kamen in diesen Büchern nicht vor. Sie halfen mir nicht, meine Welt zu verstehen." Solche besser verständlichen Welten möchte sie in ihren Werken erschaffen. Erst mit 39 kommt sie nach einem Leben als Kunsthistorikerin, Malerin und Mutter von drei Kindern zum Schreiben - sicher mehr Schicksal als Zufall.

Die Schüler am Institut, die in diesem Semester versuchen, hinter das Wesen von chemischen Formeln zu dringen, werden so in eine neue Welt geführt - oder besser: entführt. Auch in dieser Welt gibt es Zusammenhänge, gibt es Bindungen, aber diese sind eher emotional und oft auch irrational, auf keinen Fall mit einfacher Logik erschließbar. Die Autorin hinter dem Werk hat mit den Figuren im Roman zwar immer etwas gemein, aber nicht automatisch etwas zu tun. Sie erläutert, wie sie sich ins Werk mit einbringt, aber immer auch dazu Distanz hält. Die Autorin ist nicht die Erzählerin, das Buch ist stets Fiktion - für die Schüler am Institut eine neue Lektion. Auch sich selbst zu interpretieren, sagt Mirjam Pressler, sei wenig sinnvoll, da ein Text vor allem für sich selbst spricht. Wenn Mirjam Pressler ein Werk beginnt, weiß sie noch nicht, was sie schreibt. "Es gibt am Anfang kein Konzept, keinen Plan." Es entsteht aus dem Bauch und aus den Tiefen des Bewusstseins. Das beispielsweise unterscheidet die Autorin Mirjam Pressler von der realen Malka Mai. Diese hat über ihr Bewusstsein einen Schleier gelegt, den sie ganz bewusst nicht lüften möchte. Sie hat das Buch zu ihrer eigenen Geschichte bis heute nicht gelesen. "Man bleibt am Leben, mehr nicht" schrieb ein Kritiker bei einer Rezension über das Schicksal der Romanfigur.

Das könnte eine Botschaft an die Schüler im Auditorium sein: Wer liest, erschließt sich eine Welt voll neuer Möglichkeiten - wer nicht liest, hat mit sich abgeschlossen.

größer Über Mirjam Pressler

Mirjam Pressler, geboren 1940 in Darmstadt, wuchs bei Pflegeeltern auf. Sie studierte an der Akademie für Bildende Künste in Frankfurt und Sprachen in München und lebte für ein Jahr in einem Kibbuz in Israel. Zurück in Deutschland arbeitete sie in verschiedenen Jobs, unter anderem führte sie einen eigenen Jeansladen. Sie hat drei inzwischen erwachsene Töchter, die sie nach der Scheidung von ihrem ersten Mann allein großgezogen hat. Heute lebt sie als freie Autorin und Übersetzerin in Landshut bei München.

Mirjam Pressler schreibt seit 28 Jahren Kinder- und Jugendbücher. Ihr erster Roman "Bitterschokolade” (1980) wird gleich ein Erfolg, der es ihr ermöglicht, ein weiteres Jahr ohne finanzielle Nöte zu schreiben. Darin geht es um ein übergewichtiges Mädchen und deren erste Liebe. Bis heute ist Bitterschokolade mit über 400.000 Auflage ihr meistverkauftes Buch. Eins ihrer wichtigsten Bücher ist "Malka Mai" das 2001 erscheint. Aktuell ist ihr Buch "Golem stiller Bruder" herausgekommen - eines von über 50 Werken. Neben einer Reihe Jugendbücher gehören rund 300 Übersetzungen aus dem Niederländischen, Afrikaans und Hebräischen zu den Werken von Mirjam Pressler, darunter die deutsche Übersetzung des Tagebuchs der Anne Frank.

Website: www.mirjampressler.de

Auszeichnungen

  • 2006 Bayerischer Verdienstorden
  • 2004 Deutscher Bücherpreis für das literarische Lebenswerk
  • 2002 Deutscher Bücherpreis für Malka Mai, zusammen mit Günter Grass
  • 2001 Kinder- und Jugendbuchpreis "Luchs"
  • 2001 Großer Kinderbuch-Akademie-Preis
  • 2001 Carl-Zuckmayer-Medaille für Verdienste um die deutsche Sprache
  • 1998 Friedrich-Bödecker-Preis für das schriftstellerische Gesamtwerk
  • 1995 Deutscher Jugendliteraturpreis und Zürcher Kinderbuchpreis
  • 1994 Sonderpreis des Deutschen Jugendliteraturpreises für das Werk als Übersetzerin
  • 1982 Janusz-Kroczak-Medaille
  • 1980 Oldenburger Jugendliteraturpreis für Bitterschokolade

Christian Born

 

"Jude ist Jude"
Mirjam Pressler liest aus ihrem Jugendbuch "Malka Mai"

Bereits zwei Tage nach der begeistert gefeierten Premiere des Theaterstückes "Ruf der Verantwortung" stand ein weiterer Höhepunkt auf dem Programm des Instituts. Mirjam Pressler, eine der bekanntesten und profiliertesten Kinder- und Jugendbuchautorinnen, las aus einem ihrer zahlreichen Werke. Sie verfasste mehr als 30 Bücher für Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Zudem übersetzte sie etwa 400! Werke aus dem Niederländischen, Flämischen, Hebräischen, Africaans und dem Englischen. Die Liste ihrer Auszeichnungen ist lang; u.a. erhielt sie den Deutschen Jugendliteraturpreis, den Deutschen Bücherpreis sowie den Bayrischen Verdienstorden.

Bevor Mirjam Pressler Schriftstellerin wurde, hat sie Kunst studiert, brotlose Kunst. Als Alleinerziehende mit drei Töchtern war sie darauf angewiesen, den Lebensunterhalt zu verdienen, sei es als Taxifahrerin oder Jeansladeninhaberin.

Dass sie sich für die Schriftstellerei entschied, hatte letztendlich auch materielle Gründe, hoffte sie doch, mit ihrer Leidenschaft genügend Geld zu verdienen. Bereits in früher Kindheit hat sie Bücher regelrecht "verschlungen" und sagt selbst über sich: "Ich kann nicht ohne Sprache sein." Wenn sie nicht eigene Werke verfasst, arbeitet sie als Übersetzerin. Wenn sie nicht übersetzt, entstehen eigene Bücher.
Diese zeichnen sich dadurch aus, dass sie keine heile (Kinder-)Welt vorgaukeln, sondern die realistischen Umstände, unter denen Kinder und Jugendliche heranwachsen, widerspiegeln.

Das soziale Umfeld prägt die Heranwachsenden, im Positiven wie im Negativen; davon ist Mirjam Pressler auch aufgrund eigener Erfahrungen zutiefst überzeugt. Sie selbst ist jüdischer Herkunft, wurde unehelich geboren, von Pflegeeltern erzogen, hat Erfahrungen in einem Kinderheim gemacht. Sie weiß genau, wovon sie schreibt und spricht, ihre Bücher "wirken" nicht nur unsentimental und ehrlich, sie sind es!

Die Protagonisten ihrer Kinder- und Jugendbücher sind oft Außenseiter, stammen aus kaputten Familien, werden zu Opfern, sind Ausgelieferte. Leicht könnte man bei der Lektüre in Resignation verfallen nach dem Motto: "Die Umstände sind nun mal so". Weit gefehlt - gerade diese Figuren entwickeln Überlebensstrategien, die Mut machen.
So auch Malka Mai, die "Heldin" des gleichnamigen Romans, von dem Mirjam Pressler sagt, er sei einer ihrer Lieblingswerke.
Aus ihm las sie im bis auf den letzten Platz belegten Hörsaal vor und die Schüler ließen sich schnell in den Bann dieses Buches ziehen, das auf real Erlebtem basiert.
Die kranke Malka, siebenjährige Tochter einer jüdischen Bezirksärztin aus Polen, muss auf der Flucht vor den deutschen Besatzern und der drohenden Deportation allein zurückgelassen werden und sich mutterseelenallein durch das Leben schlagen. Unglaublich, welche Überlegenstrategien dieses bis dahin behütete Kind angesichts von Hunger, Elend, Illegalität und Tod entwickelt. Liesel, die Puppe, die eigentlich ihrer Freundin gehört, bietet ihr den einzigen Halt auf ihrer Odyssee.
Der Roman erzählt die grausamen Geschehnisse abwechselnd aus der Perspektive von Malka und ihrer Mutter Hannah. Mirjam Pressler vermeidet es, die Schuldfrage zu thematisieren. Wie leicht wäre es, die Mutter, zumal Ärztin, als Rabenmutter zu brandmarken, da sie ein so kleines Mädchen alleine lässt und mit der älteren Tochter flieht.
Die Autorin richtet ihren Blick vielmehr darauf, welche Vitalität, welch beeindruckenden Überlebenswillen Malka innerhalb und außerhalb des Ghettos entwickelt.
Die Geschichte selbst ist über weite Strecken fiktiv; allerdings stimmen die Eckdaten, d.h. die Stationen der Flucht sind belegt und auch der Aufenthalt im Ghetto beruht auf Tatsachen.

Das "Vorbild" für die Malka aus dem Roman, die "echte" Malka Mai, wohnt heute in Israel und sie hat für die Dokumentensammlung der Gedächtnisstätte Yad Vashem ihre Familiengeschichte aufgeschrieben, dabei aber das Wesentliche, ihre Erlebnisse auf der Flucht, nur mit wenigen Worten angedeutet. Auf ihre Bitte hin "erfand" Mirjam Pressler ihre Erlebnisse neu. "Wie hat den die 'reale' Malka auf den Roman reagiert?", wollten die Schüler, in der sich der Lesung anschließenden Fragerunde wissen. Obwohl das Buch inzwischen sowohl in einer englischen als auch hebräischen Übersetzung vorliegt, hat sie den Roman bis heute nicht gelesen. Verdrängung? Angesichts des Grauens, dass dieses siebenjährige Kind mutterseelenallein erlebt hat, ist das nachvollziehbar.

"Ich gebe mich nicht der Illusion hin, Bücher könnten die Welt verändern, aber für einzelne Menschen kann ein bestimmtes Buch eine wichtige, weltbewegende Bedeutung erlangen", so die Autorin. Malka Mai hat das Zeug dazu, ein solches Buch zu sein.
Unbedingt lesen!

Mirjam Pressler: "Malka Mai", Verlag Beltz & Gelberg

Angela Schmitt-Bucher