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Institut Dr. Flad
Berufskolleg für Chemie, Pharmazie und Umwelt

Ausbildung mit Markenzeichen. Seit 1951.

Ruf der Verantwortung

Ein Theaterspiel zum Thema Verantwortung

von Anja Barth, Evelin Sastre, Dirk Winkelmann

Uraufführung im Theaterhaus Stuttgart
am 7. April 2008 um 19:00 Uhr
» Videoausschnitte von der Premiere

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Odyssee zur Insel der Sirene

"Ruf der Verantwortung" ist der Titel des aktuellen Theaterprojekts über Verantwortungsbewusstsein, das am Stuttgarter Theaterhaus aufgeführt wurde. Die Autoren und Schauspieler sind die Flad-Schüler selbst.

"Wäre die Verantwortung als Wesen auf der Erde - wie sähe sie aus?" fragt der Rahmenerzähler am Anfang des Stücks, gespielt von Marco Kunzelmann. Die Verantwortung, alias Nadine Hansal, hat sich auf eine Insel zurückgezogen. Enttäuscht von den Menschen, die sie nicht erkennen - auch dann nicht, wenn sie laut rufend vor ihnen steht. größer Das Stück nimmt Anleihen bei keiner geringeren Vorlage als Homers Odyssee. Aus der Sirenen-Insel wird die Insel der Verantwortung, die ihre Rufe wie Sirenengesänge an die Menschen schickt. Ein Charter-Schiff in die Karibik ist auf dem Meer unterwegs. Die Protagonisten, gespielt von Flad-Schülern, erleben hier der Reihe nach ihre ganz individuelle Odyssee mit der Verantwortung. Die Schüler inszenieren Szenen, die die Zuschauer in Atem halten. Die Dialoge sind fast unverantwortlich humorvoll. Bühnenbild, Maske und Requisite lassen durch die professionelle Unterstützung des DEIN Theaters die Grenzen zum professionellen Theater verwischen. Die Schüler spielen auf einer Bühne, die das konventionelle Schülertheater weit hinter sich lässt.

Der Kapitän des kleinen Charter-Schiffs, von Nikolai Stefan mit ganzem Körpereinsatz gegeben, wird von der Crew auf einen Drink eingeladen. Sirenenartig hört er über die Bühnenbeschallung den Ruf der Verantwortung mahnen. Die Licht- und Tontechniker Thiemo Schweer und Mario Walter leisten ganze Arbeit. Soll er auf wiederholte Bitte seiner Passagiere doch einen Cocktail nehmen - nur einen? Die Verantwortung sagt: "Nein!" Doch er schlägt ihren Ruf in den Wind, und das Schiff schlägt irgendwo an einem Strand in der Karibik auf. Da sitzen die Protagonisten nun auf einer Insel, überhäufen ihren Kapitän mit Vorwürfen und beginnen untereinander zu streiten. Aber die Auszeit auf der Insel scheint nachdenklich zu machen. Jeder Einzelne memoriert Situationen seines Lebens, in denen er nicht verantwortlich gehandelt hat.

Ein Streetworker, Matthäus Dröbner, versetzt sich in die Zeit zurück, in der er selber noch ein Junkie war - und ein Drogendealer. Das Stück lädt die Zuschauer zu einem kleinen Trip ein, an deren Ende ein toter Junkie steht. Das war unverantwortlich. Dann wieder zeigt das Stück Grenzfälle, in denen sich jemand schwer tut, Verantwortung zu tragen. Simon Häfner spielt als Matrose Joe eine Szene, in der er seiner kranken Frau (Yvonne Link) Sterbehilfe leistet. Claudia Schnepf hat als Krankenschwester einen kleinen Jungen krankenhausreif bei einem Unfall verletzt. Dirk Winkelmann hat als trinkender Missionar die Lacher auf seiner Seite - sein mit Gewissensbissen behaftetes Zweigespräch mit dem Herrn zählt zu den humoristischen Highlights des Stücks. Kristina Bajtalenko und Verena Hering gehen in einer Szene als Dolly-Buster-Verschnitte vor allem unverantwortlich mit ihrem Körper um.

Es macht Spaß, im Publikum zu sitzen und der Aufführung zu folgen. Die moralische Wirkung des Stücks bezieht ihre Kraft eben dadurch, dass sie bewusst auf den erhobenen Zeigefinger verzichtet. größer Man weiß nicht, was besser ist: die Dialoge, selbst geschrieben von Evelin Sastre Chueca, Anja Barth und Dirk Winkelmann, oder die Inszenierung, für die ein großes Kompliment an Andreas Frey (Regie), Michaela Knepper (Kostüme/Maske) und Anette Haas (Requisite) vom Dein Theater geht. So ist denn der optische Leckerbissen des Stücks eine Szene zum Thema Gammelfleisch. Die Kühe Berta und Erna (Anja Barth und Evelin Sastre Chueca) haben so süße Köpfe, dass sie der Zuschauer am liebsten vor der Schlachtbank retten möchte. "Arme Frieda, die letzte Woche auf Seite Eins der Bild Zeitung zu sehen war", muhen sie, bevor sie dann vom Bauern (Stefan Dorsch) zu einer Rindsroulade an Rotweinsoße verarbeitet werden.

Dass die Verantwortung aber keine Inselerscheinung ist, die jeder mit sich selbst ausmachen muss, wird klar anhand von unverantwortlich agierenden Personen der Öffentlichkeit: zum Beispiel Ölscheich "Alle Mal Lachen" Marco Kunzelmann, Kernkraftwerk-Betreiberin Birgit Strahl (Verena Hering), Waldabholzerin Yvonne Link, und Politiker Nikolai Stefan, die alle unisono intonieren: "Das ist doch nicht mein Problem!" Eine weitere Figur, die sich das ganze Stück hindurch nicht um die Verantwortung schert, ist der flotte Carlo, gespielt von Uwe Dziewior. Isabelle (Regina Bendzko) findet das am Anfang noch amüsant, aber am Schluss ist sie von seinem "Scheiß auf die Verantwortung" einfach nur abgestoßen. Ihm erscheint dann aber in einer ruhigen Minute die Verantwortung in Gestalt von Nadine Hansal und führt ihn auf den rechten Weg zurück.

"Die Verantwortung ist nicht nachtragend, sie begegnet einem immer wieder - achtet einmal darauf", sagt der Rahmenerzähler. Die Verantwortung gewinnt an Präsenz und stellt das Stück quasi an den Ausgangspunkt zurück. "Und so nimmt die Geschichte buchstäblich einen anderen Lauf." Der Ruf der Verantwortung kann Geschichte(n) verändern. Wer ihm folgt oder ihn ignoriert, verändert nicht nur sein eigenes Leben, sondern auch das seiner Mitmenschen - und oft der ganzen Welt. Der Kapitän des kleinen Charter-Schiffs wird also wieder von seinen Passagieren zum Trinken verführt. Dieses Mal bleibt er jedoch standhaft.

Die Verantwortung hat gesiegt.

Christian Born

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Ruf der Verantwortung
Schüler des Institutes begeistern mit ihrem Theaterstück

Nach neun Monaten intensiver Vorbereitung war es endlich soweit: Das Theaterstück "Ruf der Verantwortung" feierte im Theaterhaus Stuttgart vor über 500 Zuschauern, darunter zahlreiche Schüler von den Partnerschulen in Ellwangen und Singen, Premiere.

Das Manuskript wurde von Anja Barth, Evelin Sastre und Dirk Winkelmann verfasst und mit zwölf weiteren Schülern in ein Theaterspiel umgesetzt.
Im Stück wird die Verantwortung personifiziert, d.h. sie greift als Mensch aus Fleisch und Blut immer wieder aktiv in die Handlung ein.
Zu Beginn des Stückes sehen wir sie unter Palmen sitzend. Die Verantwortung hat sich nämlich resigniert auf eine abgelegene Insel geflüchtet, da sie schmerzhaft erleben musste, dass die Menschen sie offenbar ablehnen, nichts von ihr wissen wollen.
Eingebettet in die Rahmenhandlung "Kreuzfahrt" wird nun im Verlauf der Handlung die Frage thematisiert, weshalb sich die Menschen von der Verantwortung abwenden.

Bereits das erste Bühnenbild versetzt die Zuschauer in Urlaubsstimmung. Minimalistisch edel ausgestattet, geht von der Bühne ein maritimes Flair aus: Augenschmaus pur! Wir befinden uns an Deck eines Traumschiffes (Schiff als Metapher für das Leben?), das sich auf Kreuzfahrt von Hamburg in die Karibik begibt.
Dem luxuriösen Ambiente entsprechen die Passagiere. Ein buntes Häufchen von ihnen bevölkert das Deck - die Unterschiede, sowohl was die Charaktere als auch das Aussehen der Passagiere anbelangt, könnten nicht größer sein.
Stellvertretend für den Typus "sozialer" Mensch treten uns eine Krankenschwester und ein Streetworker entgegen. Beide verhalten sich relativ normal.
Das trifft für den Passagier Diana nicht zu. Als "Göttin der Jagd" weiß sie ihre Waffen gezielt einzusetzen und schafft es innerhalb kürzester Zeit, Mitpassagier Carlo zu umgarnen. Umwerfend, wie die beiden Schüler als "Schickse" und "Dandy" agieren. Champagner interessiert sie viel mehr als ihre Mitmenschen.
Als Gegenentwurf zu dieser Spaßgesellschaft, zu der sich noch ein Model und ein Drogendealer gesellen, befindet sich ein Ordensmann an Bord. Schon seine Kutte stempelt ihn in dieser Umgebung zum Außenseiter und auch das Motiv seiner Reise hebt ihn von den anderen Mitreisenden ab: Er möchte als Missionar in Kolumbien arbeiten; immerhin ist er sich scheinbar seiner Verantwortung bewusst.
Ganz im Gegensatz zum Kapitän des Luxusschiffes: Optisch ein Hanseat durch und durch, automatisch assoziiert man mit ihm Pflichtgefühl, handelt er absolut verantwortungslos, als er sich von einigen Passagieren zu alkoholischen Drinks überreden lässt. Ausgerechnet er, der die größte Verantwortung an Bord hat, der bestimmt, was zu tun und zu lassen ist, handelt skrupellos. Kein Wunder, dass sich die Verantwortung auf eine Insel zurückgezogen hat. Wenn schon der Kapitän versagt, wie muss es um die anderen bestellt sein? Es kommt, wie es kommen muss.

Szenenwechsel: Wir befinden uns auf einer tropischen Insel, Palmen säumen den Strand. Doch die Idylle trübt. Denn inzwischen ist das Schiff gekentert, viele Passagiere sind ertrunken, nur wenig Deckgäste haben das rettende Ufer dieser Insel erreicht. Hier setzt sich das bereits bekannte Verhalten der Menschen fort. Während die einen bemüht sind, das Überleben der Gruppe zu sichern, geben sich andere, allen voran Carlo, dem Müßiggang hin. Carlo hält es nicht für nötig, seiner Verantwortung gerecht zu werden, im Gegenteil: Er verteidigt vehement sein Schmarotzertum.
Aber auch der scheinbar so selbstlose Missionar versagt, er entpuppt sich als Heuchler.
Anstatt den anderen Überlebenden zur Seite zu stehen, gibt er sich heimlich dem Alkohol hin und führt sinnentleerte Gespräche mit Gott. Köstlich, wie Dirk Winkelmann diesen Ordensmann spielt!
Not schweißt bekanntlich zusammen. In ihrer aussichtslosen Lage rücken die übrigen Schiffsbrüchigen zusammen und offenbaren nun ihr eigenes Versagen bzw. ihr verantwortungsloses Handeln. Die Krankenschwester hat früher ein Kind überfahren, der Streetworker ist ein ehemaliger Drogendealer und Matrose Joe fühlt sich für das elende Sterben seiner Frau verantwortlich.

Zu der individuellen Verantwortung gesellt sich die unserer Gesellschaft.
Wie halten wir es mit der Verantwortung gegenüber den Tieren? Geiz ist geil, Gammelfleisch der Preis, so die Botschaft. Die Darsteller verzichten allerdings auf den erhobenen Zeigefinger, ganz im Gegenteil: Die Kühe Erna und Berta begeistern optisch derart, dass man ihnen ihr Schicksal, nämlich als Rindsroulade in Rotweinsoße zu enden, ersparen will.
Mitleid aus ganz anderen Gründen bekommt man mit zwei Barbie-Girls. Sie leisten sich "personal trainers", anstatt ihr Geld für etwas Sinnvolles auszugeben. Paris Hilton lässt grüßen! Aber verhalten wir uns als Spaßgesellschaft nicht auch verantwortungslos, wenn wir solchen falschen Vorbildern nacheifern? Und wie halten wir es mit dem Konsum von Drogen?

Auf der Bühne keimt Hoffnung auf. Der ehemaliger Drogendealer leugnet zunächst seine Schuld. Wenn nicht er die Abhängigen ins Elend gestürzt hätte, wäre es ein anderer gewesen. Doch nun hat er als Streetworker bewusst Verantwortung übernommen.
Auch die Person "Verantwortung" im Theaterstück schöpft neuen Mut. Die Schiffbrüchigen, einschließlich Carlo, haben erkannt, dass ohne sie Überleben nicht möglich ist.
Wie einfach wäre es gewesen, grundsätzlich verantwortungsvoll zu handeln! Dass dies der bessere Weg ist, zeigt uns das Schlussbild eindringlich. Die gleiche Szene wie zu Beginn des Stückes: Ein illustres Völkchen flaniert über das blütenweiße Deck, der schmucke Kapitän steht am Steuerrad. Er trotzt den alkoholischen Verlockungen und schippert seine Passagiere sicher über die Weltmeere.

So wünscht man sich das Spiel auf den Brettern, die die Welt bedeuten: Ein Feuerwerk an optischen und akustischen Reizen wurde abgebrannt, angefangen bei den Kostümen bis hin zum Bühnenbild und der Musik - Laienschauspielerei auf hohem Niveau, pfiffige Unterhaltung kombiniert mit nachdenklich stimmenden Momenten!
Zu Recht stehende Ovationen für dieses gelungene Theaterprojekt!

Übrigens: Die Darsteller handeln selbst verantwortungsbewusst dadurch, dass die gesamten Einnahmen des Theaterabends an folgende Organisationen gespendet werden: Ärzte ohne Grenzen, Kinder in Not, Menschen für Menschen.

Angela Schmitt-Bucher

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Dem Fall des Vorhangs folgten stehende Ovationen des Publikums, Schilder wie "Ihr wart klasse!" oder "Das war sexy" (!) wurden hochgehalten.

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Regisseur Andreas Frey (rechts) leistet ganze Arbeit, im Laufe der Theaterarbeit aus Individualisten ein verschworenes Ensemble zu formen. "Bei keinem anderen Schülerstück habe ich inhaltlich so wenig eingreifen müssen wie hier", lobte er.

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