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Mittwoch, 28.09.2011, 11:00 Uhr
Vortrag am Institut Dr. Flad, Großer Hörsaal

Prof. Dr. Ute Deichmann
Institut für Genetik, Universität Köln

Chemie und die künstliche Erzeugung von Leben um 1900: Forschung und Reflexion von Jacques Loeb

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Prof. Dr. Ute Deichmann
Chemie und die künstliche Erzeugung von Leben um 1900:
Forschung und Reflexion von Jacques Loeb

2011 wurde von der 63. Vollversammlung der UN zum Internationalen Jahr der Chemie erklärt. Aus diesem Anlass verteilen sich die 15. Stuttgarter Chemietage auf das gesamte Jahr. Von Januar bis Juli 2011 bot das Institut Dr. Flad zahlreiche Vortrage und Workshops an, die auf große Resonanz stießen. Unmittelbar nach den Sommerferien erfolgte nun die Fortsetzung der Chemietage. "Chemie und die künstliche Erzeugung von Leben um 1900" Iautete der Titel des Vortrages, den Prof. Dr. Ute Deichmann, Wissenschaftshistorikerin am Institut für Genetik der Universität Köln, hielt.

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Sie stellte den zahlreich erschienenen Zuhörern Jacques Loeb vor, einen Forscher, der sich selbst als "Brückenbauer‘ zwischen Chemie und Biologie verstand.
Prof. Deichmanns Referat setzte vier Schwerpunkte:

  1. Person Jacques Loeb
  2. Loebs Haltung zum Darwinismus
  3. Fragen nach dem Ursprung des Lebens
  4. Loebs Beitrag zur Debatte über den künstlichen Ursprung von Leben

Zu Punkt 1: Jacques Loeb wurde 1859 in Mayen im Rheinland geboren. Nach dem Medizinstudium arbeitete er in verschiedenen deutschen Städten, ehe er 1891 in die USA übersiedelte. Diese "Auswanderung" war auch politisch motiviert. Nationalismus, Chauvinismus, Kulturimperialismus sowie der mehr oder weniger offen zur Schau getragene Antisemitismus veranlassten den liberal gesinnten Forscher zu diesem Schritt. Loeb war der festen Überzeugung, dass der Humanismus die Basis jeglichen menschlichen Zusammenlebens sei. Rationales Denken ist das einzige Mittel, der Irrationalität Einhalt zu gebieten, so sein Credo. Beeinflusst durch französische Physiologen vertrat er die Auffassung, dass alles Leben auf chemische und physikalische Ablaufe zurückzuführen ist. Folgerichtig war er ein Förderer der experimentellen Wissenschaft; gemeinsam mit seinem Mitarbeiter Wolfgang Ostwald untersuchte er die physikalische Chemie der Proteine. Jacques Loeb starb 1924 auf den Bermudas.

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Zu Punkt 2: Dem Darwinismus stand Loeb skeptisch gegenüber. Für ihn waren Darwins Theorien über die Entstehung der Arten zu unkritisch, zu unvollständig. Er forderte 1912 dazu auf, die Evolutionstheorie experimentell zu verifizieren: Biologen sollten "Mutationen auf physikalisch-chemische Weise erzeugen". Schon 1909 hatte Loeb vermutet, dass spezifische Lebensprozesse auf der DNA basieren und die Unterschiede zwischen den Organismen durch chemische Unterschiede ihrer Zellkerne bedingt sind. Gedanklich kann er somit als ein "Ziehvater" von Watson und Crick gelten, die Jahrzehnte später für ihr Modell der DNA-Verdopplung den Nobelpreis bekamen.

Zu Punkt 3: Wie entsteht/entstand Leben aus anorganischem Material? Kann/konnte Leben künstlich erzeugt werden? Diese Fragen können laut Loeb nur experimentell durch Erforschung der DNA geklärt werden. Der Theorie der Urzeugung (neue Organismen werden ständig aus unbelebter Natur erzeugt) erteilte er eine eindeutige Absage. Vielmehr sah er durch die Experimente seiner Vorgänger Francesco Redi ("Alles Leben entsteht aus einem Ei") und Louis Pasteur seine Auffassung bestätigt: Wachstum und Entwicklung von Organismen werden durch genau festgelegte chemische Kettenreaktionen ausgelöst.

Zu Punkt 4: Jacques Loeb verstand sich als Experimentalbiologe; er war kein Chemiker. lnsofern verspürte er in sich ein gewisses "wissenschaftliches Vakuum". Ihm schien es möglich, dass elektrische Entladungen und/oder Vulkanausbrüche Bedingungen erzeugt haben, die Leben ermöglichten. Gleichzeitig glaubte er an den Erfolg der künstlichen Erzeugung von Leben.

Loeb hat mit seinen Visionen eine Denkrichtung vorgegeben. Zu Lebzeiten konnte er seine Theorien nicht beweisen. Dies blieb der Nachwelt vorbehalten; heute gilt er als ein Wegbereiter der synthetischen Biologie.

Angela Schmitt-Bucher

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