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Der ehrbare Kaufmann - Modell einer modernen Wirtschaftsethik?
Am 16. April 2012 referierte Prof. Dr. Hans Nutzinger - nachdem sein Vortrag bei den 15. Stuttgarter Chemietagen im vergangenen Jahr ausfallen musste -
über die Wirtschaftsethik der heutigen Zeit.
Schon allein der Begriff des ehrbaren Kaufmannes, der in verschiedenen Kulturen unabhängig voneinander entstanden ist, lässt Spielraum für Interpretationen. So erklärte Prof. Nutzinger, dass der ehrbare, also anständige Kaufmann durchaus doppeldeutig zu verstehen ist. Zum einen versteht man darunter eine bestimmte sittliche Haltung, die einen anständigen Kaufmann zu einem gesuchten und gewünschten Geschäftspartner macht. Zum anderen möchte der Kaufmann aber auch einen anständigen, also möglichst guten Gewinn bei seinen Geschäften erzielen. Die Handlung erfolgt somit aus dem Antrieb, sich einen eigenen Vorteil zu verschaffen. Diese ergebnisbezogene (konsequentialistische) Ethik, die auch von den Wirtschaftswissenschaftlern vertreten wird, beschreibt den homo oeconomicus. Allein der Wettbewerb ist dann, so Nutzinger, dafür verantwortlich, dieses Vorteilsstreben der einzelnen Parteien in sinnvolle Bahnen des Zusammenspiels zu lenken.
Der ehrbare Kaufmann ist trotz seiner langen Geschichte, die in Deutschland übrigens mit der Hanse im Mittelalter begann, kein Auslaufmodell und wird immer wieder eingefordert. Etwas versteckt finden wir ihn zum Beispiel bei online-Auktionen wieder. Hier muss man sich auf die Aufrichtigkeit seines Geschäftspartners verlassen. Ob dies ein ehrbarer Kaufmann ist oder nicht, lässt sich z.B. aus Bewertungen von anderen Kunden in Erfahrung bringen. Der Kaufmann wird auf diese Weise mehr oder weniger zu einem ethischen, also moralischen, Verhalten und Handeln gedrängt, um seine Geschäfte nicht zu gefährden.
Laut Nutzinger reicht aber dies in der heutigen Gesellschaft nicht mehr aus. Besonders in schwer kontrollierbaren Bereichen, wozu beispielsweise auch die Arbeitsbedingungen (vor allem im Hinblick auf Gesundheitsgefährdung und Kinderarbeit) zählen, sind verbindliche ethische Mindeststandards unabdingbar. Neben diesen und dem ehrbaren Kaufmann sind wir aber auch auf Menschen angewiesen, die nicht aus Zwang, sondern aus Überzeugung ethisch richtig handeln.

Anne-Marie Honold
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