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Institut Dr. Flad
Berufskolleg für Chemie, Pharmazie und Umwelt

Ausbildung mit Markenzeichen. Seit 1951.

Veranstaltung vom Dein Theater
am 24. März 2014 im Institut Dr. Flad

"Der Pastor bleibt Pastor bis zur Hinrichtung
am 9. April 1945"

Dietrich Bonhoeffer zum Gedächtnis

Seit über zehn Jahren gibt es zwischen dem Institut und dem Dein Theater eine enge Zusammenarbeit. Die Premiere des Theaterprojektes gehört alljährlich mit zu einem Höhepunkt des Schuljahres. Andreas Frey sowie Gesine Keller sind u.a. Garanten des Erfolges. Statt eines Spektakels auf dem Bretterboden des Stuttgarter Theaterhauses erlebten die Zuhörer im Großen Hörsaal eine nachdenklich stimmende und aufrüttelnd wirkende Lesung von Gesine Keller, die an das Leben und Sterben von Dietrich Bonhoeffer erinnerte.

größer Das "Bühnenbild" war auf das Wesentliche reduziert: Gelblich-grün schimmerte ein raumhoher Vorhang hinter dem Vorlesetisch, ein mannshoher Zweig stellte das einzige Dekorationsstück dar. Allein dem Lebensweg und den Worten Bonhoeffers sollte Aufmerksamkeit zuteilwerden. Sicherlich war dieses Arrangement kein Zufall. Es erinnert sinnbildlich an Frühling, an Aufbruch, an Neubeginn, an Ostern, an Auferstehung. Für die Überzeugung, dass schlimmste Barbarei und Unmenschlichkeit durch mutiges Eintreten entschlossener Menschen überwunden, dass der Glaube Halt geben kann auch in finsteren Zeiten, dafür steht Dietrich Bonhoeffer.

Zwischen Februar 1906 und April 1945 spannte Gesine Keller mit ihrer prägnanten Stimmführung den Lebensbogen Bonhoeffers, wobei markante Abschnitte seiner Biografie mit Musik unterlegt und Zitate des Theologen eingeflochten wurden.

Im Februar 1906 wurde Dietrich Bonhoeffer als sechstes von acht Kindern in Breslau geboren. Die Eltern gehörtem zum Großbürgertum. Der Vater war Professor für Psychiatrie, die Mutter, völlig ungewöhnlich für die damalige Zeit, hatte studiert und unterrichtete ihre Kinderschar selbst. Sie erzog sie im evangelischen Glauben zu eigenständigen und selbstbewussten Heranwachsenden. Die weitverzweigte Großfamilie sowie das quirlige Berlin boten zahlreiche Abwechslungen ( Musik Paul Lincke: Das ist die Berliner Luft, Luft ...).

Die Welt war scheinbar in Ordnung. Tatsächlich aber ist die Jahrhundertwende eine Umbruchzeit in politischer, sozialer und technischer Hinsicht. Einerseits ist sie von einer unbändigen Fortschrittsgläubigkeit geprägt, man könnte auch von Größenwahn sprechen, andererseits zeichnet sich bereits eine der größten Katastrophen des 20. Jahrhunderts ab (Musik Richard Strauß: Also sprach Zarathustra). Kriegstreiberei, politische Radikalisierung und Massenverelendung markieren den Beginn des Ersten Weltkrieges, an dessen Ende über zehn Millionen Tote und über zwanzig Millionen Verwundete zu beklagen sind. Auch die Familie Bonhoeffer bringt Opfer. Zwei Brüder Dietrichs werden an die Front abkommandiert, erleben den Einsatz von Gift; einer der beiden stirbt kurz vor Kriegsende.

Währenddessen studiert er evangelische Theologie in Tübingen und erlebt auch dort die Auswirkungen der horrenden Inflation und der politischen Unruhen. Im Rahmen seiner Ausbildung besucht er u.a. Rom und Barcelona, trifft Menschen unterschiedlichster Herkunft und kehrt schließlich 1924 nach Berlin zurück, um zu promovieren.

Was ist Kirche? Welchen Platz soll sie einnehmen? Wo steht er selbst? Solche Fragen treiben Bonhoeffer um.

größer Ein persönliches Vorbild findet er laut Gesine Keller in "Don Quijote". Der lebenslange Kampf des "Helden" gegen das Gewöhnliche und für die Freiheit ist Bestandteil der humanistischen Theologie Bonhoeffers. Während eines Aufenthaltes in den USA lernt er Jean Lasserre, einen überzeugten Pazifisten, kennen. Dieses Zusammentreffen und die Konfrontation mit der unerbittlichen Rassentrennung lassen ihn zunehmend an Luthers Zwei-Reiche-Lehre zweifeln: "Tu den Mund auf für die Stummen!" Lasserre schärft den Blick Bonhoeffers für das Politische. Das Grundübel der dumpfen deutsch-nationalen Politik ist für ihn die Dummheit. "Sie ist gefährlicher als Bosheit", stellt er fest.

Die Mächtigen benötigen die Dummen. Sie werden als willenlose Instrumente missbraucht. Wie recht er hatte, zeigte sich spätestens seit der "Machtergreifung" Hitlers im Januar 1933.

Bonhoeffer lehnt den Nationalsozialismus strikt ab. Als er sich in einer Rundfunkansprache im Februar 1933 eindeutig gegen das Führerprinzip ausspricht, wird ihm das Mikrofon abgedreht. Auch die Haltung seiner Kirche gegenüber den neuen Machthabern sieht er sehr kritisch. Sie schweigt zu allem, passt sich an, führt den Arierparagrafen ein, der vielen jüdischstämmigen evangelischen Pfarrern zum Verhängnis wird.

1933 begegnet Dietrich Bonhoeffer George Bell in London. Dieser anglikanische Bischof, ein Verfechter der Ökumene, verstärkt Bonhoeffers Vorhaben, Widerstand gegen die NS-Diktatur zu leisten. Pfarrer Martin Niemöller hatte bereits den Pfarrernotdienst gegründet, eine Widerstandsbewegung innerhalb der lutherischen Kirche, aus dem schließlich die Bekennende Kirche hervorging. Als Leiter des Finkenwalder Seminares kann Bonhoeffer seine Überzeugungen an junge Theologen weitergeben. 1937 schließen die Nazis die Einrichtung; 1939 wird Polen überfallen, der Startschuss für den Zweiten Weltkrieg. Bonhoeffer reist in die USA aus, kann sich der Einberufung entziehen – aber damit überlässt er das Feld der Barbarei, ohne Widerstand ist die Zivilisation dem Untergang geweiht. Er entscheidet sich für die Rückkehr nach Deutschland. Die Zivilcourage, das freie Handeln eines Menschen aus Verantwortung, mit allen Konsequenzen, seien sie auch tödlich, siegt über das persönliche Wohlergehen. Bonhoeffer schließt sich dem politischen Widerstand an. Sein Schwager, Hans von Dohnanyi, arbeitet bei der Abwehr, dem Nachrichtendienst des Dritten Reiches. Sowohl er als auch der Leiter des Amtes, Admiral Canaris, binden den Theologen aktiv in den Widerstand gegen Hitler mit ein. Nach fehlgeschlagenen Attentaten im März 1943 wird die Gruppe verhaftet. Welch menschliche Größe Dietrich Bonhoeffer besitzt, zeigt sich im Gefängnis Berlin-Tegel. Trotz unmenschlichster Bedingungen ist es für ihn eine "Befreiung, denken zu können." Er hat die Hoffnung aufgegeben, dass er je entlassen wird. Eindrucksvoll gibt Gesine Keller seine Überzeugung wieder: "Ich glaube nicht mehr an Freilassung, dennoch sind es keine verlorenen Jahre, es gibt erfülltes Leben; auch Leiden kann Befreiung sein. Die Vorstellung, dass der Tod die Krönung der Freiheit ist, hat etwas Tröstliches" (Musik W. A. Mozart: Ave Verum).

größer Tröstlich ist auch die Musik, die Gesine Keller als Kontrast zur NS-Diktatur ausgewählt hat: Kirchenlieder von Paul Gerhardt kündigen davon, wie großes persönliches Leid durch Gottvertrauen überwunden werden kann (Musik Paul Gerhardt: Befiehl du deine Wege ..., Nun ruhen alle Wälder ..., Wach auf mein Herz ...).

Im Zusammenhang mit dem Attentat vom 20. Juli 1944 werden bei der Widerstandsgruppe um Canaris Unterlagen gefunden, die auch Bonhoeffer schwer belasten. Aus der Gestapo-Haft heraus, den sicheren Tod vor Augen, schreibt er im Dezember 1944 an seine Familie:" Von guten Mächten treu und still umgeben, behütet und getröstet wunderbar, so will ich diese Tage mit Euch leben und mit Euch gehen in ein neues Jahr."

Sein untrügliches Gefühl, Recht von Unrecht unterscheiden zu können, der Glaube, der ihm Kraft gibt, seine Überzeugung, der Mensch könne frei verantwortlich handeln, lassen ihn die nächsten Monate würdevoll durchstehen.

Wenige Tage vor Kriegsende, am 9. April 1945, wird Dietrich Bonhoeffer im KZ Flossenbürg erhängt. Bereits drei Monate später setzt ihm Bischof George Bell ein "Denkmal": Am 27. Juli 1945 wird in London ein Gedenkgottesdienst für d e n gefeiert, der für Deutschland und Europa gestorben ist.

Herzlichen Dank Frau Keller für diese beeindruckende Lesung zum Gedächtnis Dietrich Bonhoeffers!

Angela Schmitt-Bucher