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Institut Dr. Flad
Berufskolleg für Chemie, Pharmazie und Umwelt

Ausbildung mit Markenzeichen. Seit 1951.

Zeitzeuge Franz Hirth berichtet über Georg Elser

am 1. April 2014 im Institut Dr. Flad

größer Eine Geschichtsstunde ganz besonderer Art durfte der Lehrgang 64 erleben. Franz Hirth und seine Frau Hannelore waren zu Gast am Institut. Schulleiter Wolfgang Flad hatte die beiden bei einer Geburtstagsfeier kennengelernt und gleich die Gelegenheit beim Schopfe gepackt und eine Einladung zu einem Vortrag über Georg Elser, den Onkel von Herrn Hirth, ausgesprochen. Somit hatten die Schüler die seltene Möglichkeit, einem der wenigen noch lebenden Zeitzeugen zuzuhören, welcher vom Widerstand eigener Familienmitglieder gegen die NS-Diktatur berichten kann. Schon nach wenigen Sätzen hatte der Referent durch die Art und Weise seines Vortrages die Zuhörer voll in seinen Bann gezogen. Lebhaft, offen, ehrlich, sich auch an kleinste Details erinnernd, erlebten die Schüler einen agilen 86-jährigen, dem das Gedenken an seinen Onkel ein Herzensanliegen ist, zumal dieser als Widerstandskämpfer nach wie vor viel zu wenig bekannt ist.

Herr Hirth wurde im November 1928 geboren; als uneheliches Kind wuchs er zunächst bei seiner Großmutter in Königsbronn im Kreis Heidenheim auf. Dort war sein Onkel Georg für ihn eine Art Ersatzvater. Von den politischen Überzeugungen Georg Elsers bekam die Familie nichts mit. Dieser war schon im Herbst 1938 überzeugt, dass ein Krieg unvermeidlich sei. Als Arbeiter in einer Heidenheimer Armaturenfabrik sah er sich als Rädchen im Getriebe der Rüstungsindustrie.

Wolfgang Flad brachte ihn in Verbindung mit einem Zitat von Bertolt Brecht: "Wer kämpft, kann verlieren. Wer nicht kämpft, hat schon verloren."

Georg Elser hat gekämpft, ganz allein auf sich gestellt. Scheinbar hat er diesen Kampf durch seine Ermordung wenige Tage vor Kriegsende verloren, aber eben nur scheinbar. Denn im Gedächtnis lebt er weiter, weil Zeitzeugen wie sein Neffe Franz Hirth die Botschaft von Verantwortungsgefühl, Gerechtigkeitssinn und Zivilcourage verbreiten.

Zeitzeuge Franz Hirth berichtet über Georg Elser

"Ich habe den Krieg verhindern wollen", so rechtfertigt Georg Elser sein Motiv, ein Attentat auf Hitler zu verüben. Im Gegensatz zu den bekannteren Widerstandskämpfern wie Stauffenberg, Beck, Goerdeler, Hans und Sophie Scholl, Bonhoeffer... entstammte Elser nicht dem Großbürgertum mit dessen Netzwerken. Ganz im Gegenteil: Sein Umfeld war eher kleinbürgerlich geprägt. 1903 wurde Georg Elser in Hermaringen bei Giengen an der Brenz als ältestes von fünf Geschwistern geboren. Sieben Jahre besuchte er die Volksschule in Königsbronn, anschließend absolvierte er eine Lehre als Möbelschreiner. Elser liebte seinen Beruf, war ein Zeichentalent, galt als ruhiger,sorgfältiger und ausgesprochen lernbegieriger Arbeiter. Immer wieder ging er auf Wanderschaft, um sich fortzubilden. So kam es, dass er in Konstanz Station machte und dort in einer Uhrenfabrik sein technisches Können vertiefte. Bereits da reifte in ihm der Entschluss, Hitler mittels Sprengstoffanschlag auszuschalten. Wieder zurück in Königsbronn unternahm Elser im Obstgarten der Eltern die ersten Sprengversuche mit der "Höllenmaschine".

Der Zeitpunkt des Attentates steht da bereits fest: 8. November 1939! Wochen zuvor hatte Nazi-Deutschland Polen überfallen; im Kreis der Familie hatte sich Georg als radikaler Kriegsgegner zu erkennen gegeben. Dies war der einzige Hinweis auf Elsers politische Einstellung. Dass Elser seit Monaten auf ein Attentat im November 1939 hinarbeitet, davon ahnt sein Umfeld nicht das Geringste.

Georg Elser hat den 8. November 1939 gewählt, da sich Hitler, Göring und Goebbels... jeweils jährlich an diesem Tag im Münchner Bürgerbräukeller einfinden, um des Putsches vom 9. November 1923 zu "gedenken". 30 Nächte lang, immer Gefahr laufend, entdeckt zu werden, präpariert Elser eine Holzsäule hinter dem Rednerpult des Bierkellers.

Jede Kleinigkeit hat er bedacht: Beschaffung von Sprengstoff und Zünder, Umzug nach München, Probesprengungen-jede noch so große Herausforderung meistert Elser, obwohl oder gerade weil er niemanden in sein Vorhaben eingeweiht hat. Auch die Schwester und der Schwager, die Eltern von Franz Hirth, sind völlig ahnungslos, als Elser bei ihnen in Stuttgart mit der Bitte auftaucht, seine Habseligkeiten bei ihnen unterstellen zu dürfen, da er wieder auf Wanderschaft gehen wolle. Der knapp 11-jährige Neffe Franz wundert sich nur darüber, dass ihm der Onkel seinen wertvollen Fotoapparat schenkt.

Hitler redet tatsächlich wie jedes Jahr am 8. November im Bürgerbräukeller. Doch 1939 verlässt er vorzeitig den Veranstaltungsort, da wegen Nebels sein Flugzeug nicht starten kann und er deshalb den letzten Schnellzug von München nach Berlin nehmen muss.

Um 21.07 Uhr begibt Hitler sich zum Ausgang, 13 Minuten später, um 21.20 Uhr explodiert die Bombe. Acht Menschen sterben, mehr als sechzig werden verletzt und Hitler selbst sah die "Vorsehung" am Werk, da der Anschlag auf ihn misslungen ist.

Knapp eine halbe Stunde vor der Explosion der Bombe war Elser im Grenzbereich zwischen Deutschland und der Schweiz, in Konstanz, festgenommen worden. Franz Hirth wörtlich: "Bis dahin hat er keinen einzigen Fehler gemacht, wenige Meter vor der Grenze macht er sich verdächtig." Inhaftierung, Folter und Verhör folgen. In der Nacht vom 13. auf den 14. November 1939 gesteht Georg Elser seine Alleintäterschaft. Aufgrund seines Detailwissens ist bald klar: Elser hatte keine Mitwisser, geschweige Mittäter! Doch die Propaganda-Maschinerie der Nazis läuft auf Hochtouren. Per Volksempfänger wird den Deutschen eingebläut, Elser sei ein Handlanger des britischen Geheimdienstes, Premierminister Chamberlain sei der wahre Schuldige, dieser habe Elser zu einem Meuchelmord angestiftet.

Plakate, eines davon im Besitz von Franz Hirth - die Zuhörer konnten es in Augenschein nehmen - führen die Öffentlichkeit bewusst in die Irre. Selbst entschiedene Gegner der NS-Diktatur wie Pastor Martin Niemöller behaupten, in Wirklichkeit stehe Georg Elser in Diensten der SS. Die heute einsehbaren Verhörprotokolle widerlegen eindeutig alle Anschuldigungen. Georg Elsers Ziel war: "Ich habe den Krieg verhindern wollen." Geholfen hat ihm dabei niemand; er wollte und konnte sich allein auf seine Fähigkeiten verlassen!

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Der Zweite Weltkrieg hat geschätzten 55-62 Millionen Menschen das Leben gekostet! Holocaust, Flucht, Vertreibung und Kriegsgefangenschaft sind heute noch vielen Menschen präsent. Wäre Elsers Anschlag geglückt, sähe die Weltkarte und damit die heutige Weltpolitik anders aus.

Am 9. April 1945 wird Georg Elser im KZ Dachau aufgrund eines "Schießbefehles aus Berlin" ermordet Soweit zu den Fakten, die man in den Geschichtsbüchern nachlesen kann.

Was nicht nachlesbar ist, sind die Erinnerungen, die der Neffe Franz mit seinem Onkel und dessen Tat verknüpft.

Die ersten Lebensjahre verbrachte er in Köngisbronn, ehe 1935 der Umzug nach Stuttgart folgte. Wie die meisten Heranwachsenden seiner Zeit findet auch Franz die Hitlerjugend faszinierend. Da wird viel geboten: Spiel, Sport, Spaß, Unternehmungen mit Gleichaltrigen-eben Abwechslung vom grauen Alltag. Dass diese Art " Verführung" politisches Kalkül war, der frühen Kriegsertüchtigung diente, war den meisten nicht klar. Man war eher unpolitisch.

Umso größer war die Wucht, die die gesamte Verwandtschaft Elsers traf, als dieser verhaftet wurde. Am 13. November werden die Familien aus Königsbronn, Schnaitheim und Stuttgart in Sippenhaft genommen. Die Eltern von Franz Hirth sind bis März 1940 in Berlin inhaftiert. Er selbst wird in ein Kinderheim gesteckt. Der 11-jährige erfährt eher durch Zufall über das Radio, welch ungeheuerliche Tat seinem geliebten Onkel vorgeworfen wird. Er kann all das nicht glauben, später kommen Scham-und Schulgefühle hoch. Die NS-Propaganda hat ganze Dienste geleistet. Heute ist ihm natürlich bewusst, dass sein Onkel im Widerstand gegen ein unmenschliches System über sich selbst hinausgewachsen ist und ihm endlich ein gebührender Platz in den Geschichtsbüchern zusteht.

Viele Jahrzehnte lang stand Georg Elser zu Unrecht im Schatten der Attentäter vom 20. Juli 1944. Manch einer sah in ihm einen Verräter. Erst Klaus Maria Brandauer brachte mit seinem Film "Einer aus Deutschland" Elsers heldenhaftes Handeln einer breiteren Öffentlichkeit näher. Heute sind etliche Schulen, Straßen und Plätze, u.a. in Stuttgart, nach ihm benannt.

Welch eine beeindruckende Geschichtsstunde! Im Anschluss an seine lebendige Schilderung stellten die Schüler zahlreiche Fragen an Franz Hirth und es machte ihnen nichts aus, dass die Stunde quasi "überzogen" wurde.

Die Veranstaltung endete mit einer Schweigeminute zum Gedenken an Georg Elser.

Angela Schmitt-Bucher