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Institut Dr. Flad
Berufskolleg für Chemie, Pharmazie und Umwelt

Ausbildung mit Markenzeichen. Seit 1951.
Ein eindrucksvoller Besuch: Heiner Geißler zu Gast - Schülerberichte
Interview mit Herrn Dr. Heiner Geißler

vergrößerte Abbildung Dr. Heiner Geißler zu Besuch im Institut Dr. Flad

Am 11.Dezember 2002 besuchte Herr Dr. Heiner Geißler anlässlich des "Human Rights Day" (dieses Jahr war der 54. Jahrestag der Deklaration der Menschenrechte) das Institut Dr. Flad, um über Intoleranz und Menschenrechte zu referieren. Grundlage seiner Ausführungen war sein Buch

"Intoleranz - Vom Unglück unserer Zeit."
Des Weiteren wurde er erstmalig als Vorstandsvorsitzender des Kuratoriums "Aktion Courage" am Institut vorstellig. Herr Dr. Geißler ist somit auch Schirmherr des Projektes "Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage" an dem auch das Institut Dr. Flad engagiert beteiligt ist.

Um 14.00 Uhr war es dann soweit. Schulleiter Wolfgang Flad empfing den Gast im bis auf den letzten Platz gefüllten Hörsaal des Instituts. Selbstverständlich nicht ohne "kurz" (sofern dies bei Heiner Geißler möglich ist) den politischen Werdegang des Gastes zusammenzufassen. Stationen seines politischen Lebens, um nur einige zu nennen, waren: Sozialminister in Rheinland-Pfalz, Generalsekretär der CDU Deutschlands, Bundesminister für Jugend, Familie und Gesundheit, Abgeordneter der Südpfalz - die Liste seiner politischen Engagements könnte man noch lange weiterführen. Dennoch galt er auf politischer Ebene immer als streitbarer Querdenker, was Herr Geißler eher als Kompliment auffasst, da er die Meinung vertritt, dass man ohne Streitkultur nicht zu einem notwendigen gemeinsamen Konsens kommt.

Dr. Heiner Geißler beschränkt sich jedoch nicht nur auf Mandate und Parteiämter - er hat sich schon immer sehr für Toleranz, für Menschenrechte und gegen Diskriminierung eingesetzt und nicht nur versucht, Missstände aufzuzeigen, sondern diese auch aktiv zu beseitigen. Sein Engagement spiegelt sich in seinen zahlreichen Ehrenämtern wieder. Er setzt sich passioniert für die Versöhnung von Natur und Sport ein, passend zu seinen Hobbies Gleitschirmfliegen, Klettern und Bergsteigen ..., und ist unter anderem Vorsitzender der Südpfälzischen Gleitschirmflieger und des Vereins der Ehemaligen des Kollegs St. Blasien. Trotz vieler Ämter ist er immer darauf bedacht, allen Verpflichtungen gewissenhaft nachzukommen.
Bis heute hat er mehr als 20 Bücher verfasst.

Zu Beginn seiner Ausführungen zitierte Heiner Geißler aus dem ersten Kapitel seines Buches "Intoleranz", in dem er ein Gedicht des Aischylos beschreibt, in dem es um den Kampf zwischen Diktatur und Freiheit geht. Dazu inspiriert hatte ihn die Premiere von Luigi Nonnos "Intoleranza" in Berlin. Herr Geißler hat es auf eindrucksvolle Art geschafft, von der griechischen Tragödie zum aktuellen Weltgeschehen Parallelen zu ziehen.

Es gibt viele Formen der Intoleranz: Entmündigung, Inquisition, Bücherverbrennungen, Tötung von Menschen wegen ihrer Hautfarbe, Folter, etc. ; diese sind nicht mit der Mentalität, triebhaftem Verhalten oder gar "Dem Bösen" zu erklären erklärt und haben keineswegs ihre Ursache im Islam alleine. Der Fundamentalismus ist keineswegs auf den Nahen Osten beschränkt. In Amerika werden Ärzte, die Abtreibungen vornehmen, von fundamentalistischen Christen erschossen, die Katholische Kirche brandmarkt immer noch Homosexuelle, fundamentalistische Juden töten Palästinenser.

Intoleranz ist eine Geisteshaltung, ein Zustand, so Heiner Geißler, der im Fundamentalismus ausgelebt wird. Fundamentalisten sind gefährlich, weil sie sich im Besitz der absoluten Wahrheit wähnen. Man wird gezwungen, deren Auffassung zu teilen. Fundamentalisten grenzen sich mit ihren selbst erstellten Normvorstellungen ab, denken dabei aber nur an sich. Diese Form der Intoleranz reicht ins tägliche Leben hinein.

Heiner Geißler wies mit Nachdruck auf die Intoleranz gegenüber Frauen hin. In unseren westlichen Industrienationen ist "Mobbing" zu einem der bedeutendsten sozialpsychologischen Problemen geworden. Die Diskreditierungen von Frauen treibt noch heute seltsame Blüten, z.B. dass Frauen keinen Sport treiben dürfen, wird aktuell noch in 25 Staaten praktiziert.

In Saudi Arabien, Bangladesh und Nigeria werden Ehebrecherinnen immer noch wie vor 2000 Jahren gesteinigt. Über 100 Millionen Frauen weltweit wurden auf die übelste Art beschnitten, jährlich wächst diese Zahl um ca. 3 Millionen.

Diese Art der Barbarei, diese schwere Form der Körperverletzung wird von vielen Fundamentalisten so eingefordert. Auch in vielen Religionen werden Frauen diskriminiert. Ein Sündenbewusstsein wird bei den Frauen kultiviert, um sie besser manipulieren zu können. Doch nicht nur in fernen Ländern werden Frauen in dieser weise misshandelt - allein in Deutschland gibt es ca. 40 000 beschnittene Frauen, und führen wir uns nur einmal die familiären Schikanen an einem türkischen Mädchen vor Augen, die eine Beziehung mit einem Deutschen eingehen will - die Mädchen werden oft nicht nur verprügelt.

An dieser Stelle forderte Heiner Geißler einen Aufschrei der Zivilisation ein und versäumte es nicht, diverse Politiker und Richter wegen ihrer bürokratischen und unmenschlichen Handlungsweise zu kritisieren. Er mahnte an, Asylanträge aufgrund von politischer Verfolgung besser zu bearbeiten, wies aber auch im gleichen Satz darauf hin, dass wir nicht alle Probleme in Deutschland lösen können. Das wäre auch gar nicht erstrebenswert für die betreffenden Nationen.

Zum Zusammen leben mit Fremden und Ausländern in Deutschland ist die Diskussion, ob wir mit ihnen zusammenleben wollen der Frage gewichen, wie wir mit ihnen zusammenleben wollen, da sich die Generationen und Kulturen in Deutschland derart vermischt haben, dass von Ausländern und Fremden nicht mehr die Rede sein kann. Eine Abgrenzung in eine Klassengesellschaft wäre genau der falsche Weg und würde unweigerlich zum Bürgerkrieg führen. Wir müssen in unserer multikulturellen Gesellschaft Grundwerte, ja ein Fundament des Zusammenlebens entwickeln. Die Grundrechte und die Verfassung der Bundesrepublik Deutschland sind auf ein solches Zusammenleben ausgelegt. Die gemeinsame Überzeugung aller Bevölkerungsgruppen für die Grundwerte der Verfassung und das Zusammenleben muss erreicht werden, dass der Entstehung einer Klassengesellschaft aus wirtschaftlichen oder religiösen Gründen vorgebeugt wird. Jedoch ist auch einen gemeinsame Sprache wichtig, sei es um Ausgrenzung zu vermeiden oder wegen besserer Chancen auf dem Arbeitsmarkt.

Deutschland ist kulturell unter anderem deswegen so vielseitig, weil viele verschiedene Völker ihre Einflüsse eingebracht haben. Dies dürfe man aber nicht so verstehen, so Heiner Geißler, dass alle Grenzen komplett geöffnet werden. Viel wichtiger ist die wirtschaftliche Sicherheit in der eigenen Heimat.

Ein bedeutend großes Maß an Intoleranz äußert sich in den wirtschaftlichen Strukturen. Fundamentalismus und das aktuelle Ausmaß an terroristischen Handlungen liegt in den wirtschaftlichen Bedingungen der betroffenen Länder begründet. Fundamentalismus entsteht dort, wo hohe Arbeitslosigkeit und keine Zukunftsperspektiven herrschen. Vor allem die junge Bevölkerung wird da oft Opfer fundamentalistischen Gedankengutes. In den Elendsvierteln in Indonesien, Bangladesh, Irak, Iran, Jordanien, Somalia, Sudan, Ägypten, Algerien ... liegt das Potenzial für fundamentalistische Terroristen. Terrorismus ist eine der widerwärtigsten Formen der Intoleranz. Der Kampf gegen den Terrorismus, wie ihn die Amerikaner gerade führen wollen, ist für Heiner Geißler nicht der richtungsweisende Weg.

Der zur Zeit herrschende "kalte Kapitalismus" raubt denen, die sowieso fast nichts zum Leben haben, sämtliche Ernährungsgrundlagen. Die weltweite, rasante Neubildung von Monopolen und Oligopolen, die Globalisierungspraktiken, das Streben nach immer höheren Renditen führt zu katastrophalen Bedingungen in den ärmeren Ländern. Ihnen wird die Chance genommen, sich wirtschaftlich zu entwickeln; durch die Änderung der WTO 1995 sind viele Länder wieder zu reinen Rohstofflieferanten deklassiert worden, die heimische Wirtschaft liegt brach. Heiner Geißler trat für eine dramatische Änderung der Weltpolitik ein. Eine gemeinsame, nachhaltige Politik, welche die armen Länder wirtschaftlich voran bringt, sieht er als entscheidenden Punkt zur Bekämpfung des Terrorismus und des Fundamentalismus. Reformen in den Institutionen Weltbank und WTO seien dazu auch vonnöten. Ein gemeinsames, weltweites Grundordnungssystem, basierend auf der sozialen Marktwirtschaft, zu entwickeln ist eines der wichtigsten politischen Aufgaben in der nächsten Zeit. Ein intensiver Dialog, vor allem auch mit unseren amerikanischen Freunden, ist dringend vonnöten. Es müsse ein fruchtbarer Konsens gefunden werden, nur so könne man die derzeitige Krisensituation in den Griff bekommen. Die Anschläge vom 11. September2001 dürften nur der Anfang einer düsteren Entwicklung sein.

Nach seinen Ausführungen in die er, trotz der ernsten Thematik, ein paar heitere Anekdoten einstreute, stand er den Schülern noch für eine Diskussionsrunde zur Verfügung. Dabei regte er an, dass man sich im Hinblick auf die anstehenden Aufgaben auch selbst politisch engagieren solle, man solle seine Zukunft nicht anderen überlassen.

Zum Ende überreichte ihm Wolfgang Flad noch eine Spende der Schule für das Projekt "Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage": SchülerInnen hatten vor der Veranstaltung zu einem internationalen Buffet eingeladen und die Einnahmen gespendet. Herr Dr. Geißler wurde mit tosendem Applaus von den Schülern des Instituts verabschiedet.
Es war ein hoch interessanter, lehrreicher, aber auch nachdenklich stimmender Nachmittag.

Martin Trautner, LG 52

 

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