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Institut Dr. Flad
Berufskolleg für Chemie, Pharmazie und Umwelt

Ausbildung mit Markenzeichen. Seit 1951.

"Ein Alchemist auf der Suche nach den Krümeln des Lebens"
Manfred Kage entdeckt seine Welt durch den Blick in ein Mikroskop und fotografiert so Bilder von brillanter Schärfe

Stuttgarter Zeitung vom 31.05.2003 / Von Wolfgang Albers

WEISSENSTEIN. Umstritten ist er, und ohne Zweifel genial: Manfred Kage wirft mit seinen Mikrofotografien einen Blick auf den Staub allen Seins und trotzt damit dem Zeitenlauf der Computerära.

Mag sein, dass man die Symbolik zu arg strapaziert. Aber bei einem Schloss ist die Versuchung dazu immer besonders groß. Sitzt da also hoch oben in einem Turmzimmer des steil am Hang klebenden Schlosses Weissenstein ein Mann und beugt sich über einen Tisch. Schaut fasziniert auf ein paar Krümel, die sich ihm als ein Rausch von Farben und Formen offenbaren. Um ihn herum stehen Regale mit hunderten von Gläsern voller Pulver und Substanzen. Dort, wo keine Chemikalien sind, stellen dutzende von Apparaten, schwarze, mattsilberne, mit Okularen, Linsen, Lampen, Rohren, Rädchen das Zimmer zu - und das nächste auch und auch alle anderen dahinter.

Ein Alchemist, sagt die Fantasie. Ein Magier auf der Suche nach den Geheimnissen und Schätzen verborgener Welten. "Manfred Kage", stellt sich der ältere Herr im weißen Sakko und roten Hemd schlicht vor. Ein Mann auf der Suche nach den Geheimnissen und Schätzen verborgener Welten.

Dass die Ansichten über seine Person auseinander gehen, ist Manfred Kage gewohnt. In den fünfziger Jahren, er ist Anfang 20, arbeitet er als Chemiker in einer Wiesbadener Firma. Die Konsistenz von Tapetenkleister muss er testen. Und entdeckt, als er mit den Präparaten unter dem Mikroskop herumprobiert, die fantastischen Formen kristallisierter Chemikalien. Diese Welten bringt Manfred Kage auf immer raffiniertere Weise zum Leuchten. Er entwickelt den Polychromator, einen Kombinationsfilter, der die Objekte mit hochgesättigten, außergewöhnlich abgestuften Farben ausleuchtet. Er hantiert bald mit polarisiertem Licht, mit Schräglicht, mit Phasenkontrasten und anderen Verfahren so virtuos, dass seine Bilder aus der Mikrowelt die Grundlage für ein eigenes Institut werden, das er 1960 in Winnenden gründet. Manfred Kage hat sich auch als Maler versucht. Aber seine Fähigkeiten waren zu begrenzt, um seine Bildideen darzustellen. Das ermöglicht ihm nun das Medium Mikroskop. Denn durch Luftströme kann er das Wachstum der Kristalle kreativ steuern; seine Präparate schiebt er mit Augenwimpernhaaren von Meerschweinchen zurecht, befestigt an der Spitze von Zahnstochern.

Was er dann fotografiert hat, hängt in den Gängen von Schloss Weissenstein wie in einer Galerie: großformatige Aufnahmen von Magnesiumsulfat, Silizium, Zyankali - Strukturen wie von kühnen Konstruktivisten geschaffen. Die Ähnlichkeit mit moderner Kunst führte zu Tumulten, als Manfred Kage seine Bilder in Galerien vorstellte. Heute muss er lachen, wenn er an einen Vortrag vor dem Kunstkreis München denkt: "Meine Kristallorgien, die ich auch noch live produziert habe, glichen exakt den Bildern des Vorsitzenden dieses Kreises." Der Streit war nicht zu schlichten, als Manfred Kage darauf bestand, das seine Bilder "Science-Art" seien: "Ich bin künstlerisch tätig, schon durch die Auswahl der 2500 Substanzen, die ich ausprobiert habe. Und ich kann die Porträteigenschaften, die jede Substanz hat, herauskitzeln." Heute kann Manfred Kage gelassener über diesen, wie er sagt, "Krieg mit den Kunstkritikern" erzählen. "Er hat mich angespornt, noch ausdrucksstärkere Bilder zu machen."

Den Aufwand dafür kann man in den Räumen von Weissenstein sehen. In jeder Ecke stehen Mikroskope. Manfred Kage weiß selbst nicht, wie viele es sind. Rund hundert wohl, vieles Eigenkonstruktionen. Er hat schon mal Zeiss-Optiken auf Leitz-Mikroskope montiert. Objektive auseinander geschraubt und ihre 30 Linsen neu durchkomponiert, hat es schließlich geschafft, einem Raster-Elektronen-Mikroskop als Erster farbige Bilder zu entlocken. Ihm blieb auch gar nichts anderes übrig. Von der Industrie waren solche Geräte nicht zu haben. "Hat dich der Wahnsinn gebissen?" fragte ihn ein Zeiss-Mann einmal, als Kage ein Zoom mit besonderen Schärfeeigenschaften haben wollte. "So etwas gibt es ja nicht einmal theoretisch", lautete die Antwort.

Bilder erschaffen für Hollywood

Geschafft hat er's trotzdem. Nur die Künstler blieben bei ihrer Ablehnung. "Das hat mich sehr getroffen. Da hab ich mir gesagt, ich wechsle die Szene, verlege mich auf die Industrie und die Wissenschaft." Und auf Happenings. Er gestaltet Weltausstellungen, experimentiert mit elektronischer Musik, mischt bei Multimedia-Performances mit, schafft es bis nach Hollywood, das seine Bilder in einem Science-Fiction-Film einsetzt.

Auch so kommt man zu einem Schloss. Für Musikerkollegen auf der Suche nach Proberäumen verhandelt er als Strohmann mit dem Grafen von Rechberg. Als der Kaufvertrag auf dem Tisch liegt, ist einer aus der Band gerade auf einem Indientrip, ein anderer wegen Haschischhandels (damit finanzierte man die Synthesizer) eingebuchtet, und Kages Firmenräume in Winnenden sind ihm gerade gekündigt werden. So legt er im Jahr 1971 die 100000 Mark für das Schloss selber hin - mit der Mischung aus finanzieller Strategielosigkeit und romantischer Sehnsucht, die auch seine Arbeit kennzeichnet.

Manfred Kage spezialisiert sich nicht, probiert immer wieder etwas aus, hangelt sich von Auftrag zu Auftrag und ist getrieben von einer fast schon metaphysischen Suche nach den Wundern der Mikrowelt, nach der Architektur des Allerwinzigsten: den Haftläppchen einer Fruchtfliege, die wie duftige Fächer schwingen, dem Inneren einer Tannennadel, das wie ein Diamant schillert, der zarten Schönheit von Arsen. In diesem unscheinbaren Reich der Staubkörnchen und Wassertropfen findet der Avantgarde-Alchemist von Weissenstein sein Gold. Es glänzt in Magazinen wie "Geo" - und lässt sich doch immer schwerer in Geld ummünzen. Mitte der neunziger Jahre bröckeln die Aufträge weg. Computergrafiken sind der Trend, nicht mehr die Lichtmikroskopie.

Den Nachruf schon geschrieben

Manfred Kage muss alle Mitarbeiter entlassen. Das kreative Dauerfeuer hat ihn müde gemacht, seine Familie verlässt ihn, der Körper kriselt. Da lädt ihn die Mikrobiologin Christina Bulbeck zu einer Ausstellung nach Hamburg ein. Eine Autodidaktin von kongenialer Besessenheit. Sie facht Kages Enthusiasmus wieder an. Die beiden heiraten, und Christina Kage organisiert Weissenstein um. In die ewig klammen Räume kommt eine Zentralheizung, an das Raster-Elektronen-Mikroskop Computersoftware.

Noch immer setzen sie sich Tag für Tag an ihre Mikroskope. Dem Magazin "Geo", das seinem Starfotografen schon einen Nachruf schrieb ("Der Zauberer zieht sich zurück"), halten sie trotzig ihre Projekte und Pläne entgegen. Sie müssen arbeiten. Denn was die beiden über ihre finanzielle Absicherung erzählen, ist nicht gerade ein Mustertext aus dem Handbuch der Altersvorsorge. Und sie wollen arbeiten: das verborgene Wesen der Dinge ergründen, das Unsichtbare visualisieren - "möglichst viele Türen zur Mikrowelt öffnen". Und das auch möglichst vielen: "Wir können nicht zulassen, dass nur wenige davon wissen. Diese Mikroorganismen produzieren 80 Prozent des Sauerstoffs, aber kaum einer kennt sie."

"Doch unsere Zeit verengt sich", sagt Christina Kage. 67 Jahre alt ist ihr Gatte. Die Arbeit hat deshalb auch etwas von der Auflistung eines Lebenswerkes. Eines Lebenswerkes, dessen unsichtbarer Teil in Manfred Kages Kopf steckt: all die Kniffe, um jene unglaubliche Schärfe und die filigrane Transparenz seiner Lichtmikroskopieaufnahmen zu erreichen. "Diese Kenntnisse nimmt mein Mann mit ins Grab", sagt Christina Kage.

Sichtbar bleiben seine Bilder - in Büchern, auf Schloss Weissenstein. Manfred Kages Traum aber ist es, eine Ausstellung "Science and Art" zu organisieren - in der Staatsgalerie Stuttgart oder, noch lieber, im New Yorker "Museum of Modern Art".

 

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Bilder des Besuchs bei Manfred P. Kage auf Schloss Weißenstein am 13.09.2003    >>