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Institut Dr. Flad
Berufskolleg für Chemie, Pharmazie und Umwelt

Ausbildung mit Markenzeichen. Seit 1951.

Freiwillig unter Obdachlosen: Die Geschichte eines Perspektivwechsels
Ein Lehrer wird "straßenfest"

Am 18. November 2003 war Friedrich Ströbele, "Max der Landstreicher", zu Gast im Institut Dr. Flad.
Bericht und Bilder seines Besuchs

 

Artikel aus Sonntag Aktuell 27. Juli 2003:

Ein verdienter Beamter wird zum Penner: Friedrich Ströbele war im Nebenberuf 40 Jahre lang "obdachlos". Jetzt hat er ein Buch über seine Erfahrungen veröffentlicht.

Absatzschuhe trippeln über das Kopfsteinpflaster der Fußgängerzone, ein Kickboard saust vorbei, die Gummireifen eines Kinderwagens suchen sich ungeduldig ihren Weg durch die Menge. Ein Mann sitzt, mit dem Rücken an eine Hauswand gelehnt, auf einer alten Zeitung und hat den Blick gesenkt. Es stinkt nach Schweiß und Hundeurin. Die Sonne knallt auf die Straße. Ab und zu klatscht eine Münze in den Hut vor ihm, aber keines der Beinpaare hält mal kurz inne. Wenigstens ist das Pflaster warm, so braucht der Obdachlose die Schicht der Zeitungen nicht zu verdoppeln.

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Friedrich Ströbele Friedrich Ströbele rückt ein wenig auf dem bequemen Sofa hin und her. Der 76-jährige Rentner pendelt zwischen den Welten. Lange Zeit war er Schulrektor im beschaulichen Trochtelfingen auf der Schwäbischen Alb, war Stadtrat und Schöffe am Landgericht. Seine weißen Haare sind ordentlich rückgekämmt, durch die Brille dringt ein viel sagender Blick. Auf dem Tisch vor ihm liegt ein Foto, das einen Penner zeigt: zottelige Haare, ein ungepflegter Bart, Klamotten aus der letzten Altkleidersammlung. "Das bin ich", sagt Ströbele und lächelt. Was? Dieser verdiente Mann ist eine gescheiterte Existenz gewesen? Tragisch abgerutscht ins Milieu der Obdachlosen? "Nein", erwidert Ströbele, "ich bin freiwillig in die Szene gegangen. Jedes Jahr zur Fastnachtszeit."

Knapp vierzig Jahre lang hat sich der heitere Mensch als Max der Landstreicher regelmäßig unter die Berber in ganz Deutschland begeben, unter realen Bedingungen. "Ich hatte kein Geld bei mir, musste genauso schnorren wie die anderen", so Ströbele. Er kennt den Blick von unten auf die Gesellschaft, auf die vielen vorbeihastenden Füße, die tägliche Angst vor dem Hunger, die Sorge um den Schlafplatz und das erniedrigende Gefühl, zum Rande der Gesellschaft zu gehören. Was bewegt einen Menschen, der in der Verantwortung vieler öffentlicher Ämter steht, sich in den Schmutz der Straßen zu begeben und um sein täglich Brot zu betteln? "Ich habe die Nazizeit miterlebt und wollte wissen, ob unsere Gesellschaft heute gegenüber Randgruppen toleranter geworden ist." Schon in seiner Jugend hatte Ströbele oft Kontakt mit Obdachlosen, wenn sie im Hause seiner Mutter zu essen bekamen. Die Kluft zwischen Arm und Reich bewegte den jungen katholischen Schwaben. Nach einer langen Zeit als aktiver Narr im heimischen Trochtelfingen stieg er 1963 aus dem fastnächtlichen Treiben aus und tauschte seine Elferratsuniform gegen den Habit eines Obdachlosen. Von da an hieß es statt fröhlich "Narri Narro" sorgenvoll: "Wo mach' ich heute Nacht Platte?" Der mutige Rektor versuchte, sich bei Zunftmeisterschaften, auf denen es immer ein üppiges, kostenloses Büfett gab, einzuschleichen. Doch schnell wurde der Berber entdeckt und achtkantig hinausgeworfen.

Ströbele muss heute amüsiert den Kopf schütteln, wenn er daran zurückdenkt und sich die Gesichter wieder vor Augen ruft, die erstaunt von seiner wahren Identität erfahren haben. "Aber unter den anderen Berbern in den Großstädten habe ich mich nie offenbart, die hätten das nicht verstanden", erklärt Ströbele. Mit ihnen ist er durch den brutalen Alltag der Obdachlosen gegangen. „Es ist schwer, die abfälligen Blicke der Leute und ihre Beschimpfungen zu ertragen", sagt der ehemalige Rektor. Einmal habe ein Passant auf ihn gedeutet und gemeint: "Da ist wohl einer zu wenig vergast worden." Das traf Ströbele ins Herz und war schlimmer als die Prügel, die er manchmal einstecken musste.

"Den Obdachlosen fehlt menschliche Wärme, und sie haben eine unheimliche Angst vor der Anonymität der Ämter", weiß der Freizeitberber. Sie leiden oft unter mangelnder Hygiene, sind völlig verlaust oder haben offene Wunden, in denen sich die Maden tummeln. Ströbele hat dieses Leid selbst gesehen, und das trieb ihn in seinem Engagement für die Obdachlosen an. Er avancierte zum heimlichen Lobbyisten und sprach mit vielen Prominenten. "Ich hatte meine Berberkluft an, aber wer ich wirklich bin, musste ich schon sagen, um zu den Persönlichkeiten vorzudringen", erzählt Ströbele, und seine Augen leuchten in Erinnerung an die vielen Begegnungen. Seine Gesprächspartner hat er in seine Wanderbücher eintragen lassen. Davon besitzt er nun 22, selbst gebunden mit ledernem Einband und grünen Seiten, die aus alten Reisepässen stammen, voll gekritzelt mit Widmungen, beklebt mit Fotos bekannter Persönlichkeiten und bunten Abbildungen. Auf ihnen finden sich die Handschriften vieler Minister und Personen des öffentlichen Lebens.

Die meisten konnte er für das Problem Obdachlosigkeit sensibilisieren. Aber viel mehr gebracht haben seine Auftritte auf Konferenzen einiger Hilfsorganisationen, zum Beispiel der Arbeiterwohlfahrt: "Da hatte ich das Gefühl, etwas bewegt zu haben." Ströbele konnte aber auch Positives berichten: "Einige Menschen auf der Straße sind stehen geblieben, haben sich mit uns unterhalten oder haben uns mal eine S-Bahn-Fahrkarte bezahlt. Das hat neuen Mut gemacht." Und die vielen Helfer in den Suppenküchen, Vesperkirchen und Diakonieläden seien unersetzlich.

Vor vier Jahren hat sich der Berber Max aus dem Milieu zurückgezogen, eine Schwerbehinderung machte ihm das Landstreichen nicht mehr möglich. Die Frage nach der Toleranz unserer Gesellschaft kann er nicht eindeutig mit Ja oder Nein beantworten, aber er stellt fest, "dass die Jugend die Vorurteile meiner Generation abgelegt hat". Und was fordert dieser Friedrich Ströbele alias Max nach all seinen Erlebnissen? "Die Politik muss die Sozialeinrichtungen erhalten, denn bei Kürzungen fällt auch Menschlichkeit weg."

In seiner aktiven Zeit haben viele den Landstreicher Max nachgeahmt, aber keiner hat es so lange ausgehalten wie das "Original". In Ströbeles Heimatstadt Trochtelfingen und in der Umgebung ist er gut bekannt, sogar einige Fans sind hinter ihm her gewesen. Der Berber musste immer schon ab Herbst seine Haare wachsen und den Bart stehen lassen. Nach der Zeit im Milieu, also am Aschermittwoch, kam die Mähne bei der Ortsfriseuse runter. "Das war schon ein richtiges Ritual", erzählt Ströbele, "danach sind einige gekommen und wollten meine Barthaare haben."

Esther Alves

Das Buch "Max der Landstreicher" erscheint im Silberburg Verlag. Auf 312 Seiten erzählt Ströbele seine Geschichte im Milieu, seine Gefühle und Gedanken, illustriert mit Fotos aus seinen Wanderbüchern und schriftlichen Eintragungen. Erhältlich für 19,90 Euro im Buchhandel.

 

Friedrich Ströbele, "Max der Landstreicher", zu Gast im Institut Dr. Flad:
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