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Institut Dr. Flad
Berufskolleg für Chemie, Pharmazie und Umwelt

Ausbildung mit Markenzeichen. Seit 1951.

UNESCO für Weißrussland - Pressestimmen zum Thema  (11/2003)

Kleiner Aufstand gegen die große Säuberung

Weißrusslands Diktator Lukaschenka lässt jetzt auch Schulen schließen - doch Schüler, Eltern und Lehrer wehren sich!

 

Moskauer Deutsche Zeitung
Minsker Eltern demonstrieren gegen Schulschließung

Besorgte Eltern, deren Kinder auf das renommierte Minsker Nationale Humanitäts-Lyzeum gehen, haben Arbeiter an einer angeblichen Renovierung des Gebäudes gehindert, wie die Internetzeitung "Belarus News" berichtete.

Grund für den ungewöhnlichen Protest sei die von Präsident Lukaschenko angeordnete Schließung der Schule aus politischen Gründen. Bei der Renovierung handele es sich lediglich um einen Vorbehalt. Die Hochschule sei das einzige Gymnasium in Weißrussland, an dem alle Fächer in Weißrussisch unterrichtet würden. "Die Angst, dass die Renovierung nur vorgetäuscht wird, um den Unterrichtsbeginn zum 1. September zu verhindern, ist bergündet", sagte der Schulgründer Uladzmir Kolas. Die Eltern haben angekündigt, die so genannten Renovierungsarbeiten so lange zu verhindern, bis ihnen garantiert würde, dass die Schule zum 1. September den Unterricht wieder aufnehme.

[ Moskauer Deutsche Zeitung / 03-09-2003 - Politik ]

 

TAZ / Unterricht unter freiem Himmel

Schüler und Lehrer des Nationalen Weißrussischen Gymnasiums in Minsk protestieren gegen die Schließung ihrer Schule. Die Miliz bewacht das Gebäude, das angeblich dringend renoviert werden muss. Jetzt findet der Unterricht auf der Straße statt .

von BARBARA OERTEL

Für die rund 150 Schüler des Nationalen Weißrussischen Lyzeums in Minsk begann das Schuljahr am vergangenen Montag recht ungewöhnlich. Anstatt in Klassenzimmern fand der Unterricht auf der Straße statt. Die Schüler trugen T-Shirts mit der Aufschrift Ich liebe das Lyzeum und hatten auch ihre Eltern mitgebracht. Auch Künstler, Journalisten und einige Parlamentsabgeordnete hatten sich aus Solidarität vor dem Schulgebäude in der Kirow-Straße im Zentrum der Hauptstadt eingefunden.

Die Freiluftpädagogik hat einen ernsten Hintergrund. Durch einen Beschluss des weißrussischen Ministerrates vom 25. Juni dieses Jahres wurde die Schule geschlossen. Zur Begründung hieß es, das System der Lehreinrichtungen müsse optimiert werden. Das wollen Schüler, Eltern und Lehrer nicht hinnehmen. Sie haben angekündigt, ihre Proteste, inklusive alternativer Unterrichtsformen, bis auf weiteres fortzusetzen.

Das Aus für das weißrussische Lyzeum kommt nicht unerwartet. 1988 aufgrund einer privaten Initiative zunächst als Sonntagsschule gegründet, nahm das Lyzeum im Jahr 1991 seinen vollen Lehrbetrieb auf. Das Besondere war, dass hier fortan 13- bis 17-Jährige in allen Fächern ausschließlich in weißrussischer Sprache unterrichtet wurden. Neben dem normalen Fächerkanon hatte die Schule, die sich einem humanistischen Bildungsideal verpflichtet fühlt, noch andere Aktivitäten im Angebot. So erarbeiteten Lehrer mit ihren Schülern Lehr -und Wörterbücher sowie Übersetzungen ins Weißrussische, die in einem Selbstverlag herausgegeben wurden. Lehrfilme zur Didaktik in Schulen produzierte das Lyzeum genauso wie Konzepte für Exkursionen an für die weißrussische Geschichte und Kultur bedeutende Orte.

Das Konzept schien aufzugehen, zumindest wenn man die Leistungen der Absolventen betrachtet. Denn die heimsten nicht nur die meisten Diplome bei nationalen und internationalen Schulolympiaden ein, sondern bestanden auch die Universitäts-Aufnahmeprüfungen problemlos.

So viel geballtes Wissen, besonders wenn das Individuum dabei auch noch eigenständig denkt, passte einem überhaupt nicht ins Konzept: Staatspräsident und Sowjetnostalgiker Alexander Lukaschenko. Seit 1994 an der Macht, machte der Ex-Kolchos-Direktor, der das Weißrussische nur unzureichend beherrscht, von Anfang an keinen Hehl daraus, welcher Ideologie er folgt: Resowjetisierung - was nichts anderes heißt, als Versuchen, das weißrussische Nationalbewusstsein wieder zu beleben, einen Riegel vorzuschieben.

So steht das Lyzeum seit 1997 auf der Abschussliste. Dabei sind die Methoden an Plattheit kaum noch zu überbieten. Mal wurde die Finanzierung gekappt, mal versucht, die Schule zwangsweise zu entmieten und das Gebäude an eine andere Institution zu übergeben. Wo das nicht half, schickte die zuständige Behörde die Feuerwehr oder die Sanitätsinspektion vorbei, die dringenden Sanierungsbedarf feststellte. Im vergangenen Mai wurde auch noch der Gründer und Direktor des Lyzeums, Uladzimir Kolas, gefeuert. Seine Nachfolgerin, des Weißrussischen nicht mächtig, fiel nach ein paar Wochen Sprachkurs durch die Prüfung.

Auch derzeit wird renoviert - allein Arbeiter hat niemand gesichtet. Dafür bewacht die Miliz das Gebäude, um Schüler und Lehrer am Betreten zu hindern. Doch die wollen nicht nachgeben. Das, was passiert, ist ein Verbrechen an unseren Kindern. Die Staatsmacht will wieder eine blinde Generation erziehen, sagt Uladzimir Kolas, der seinen Schülern nicht von der Seite weicht und 7.000 Unterschriften gesammelt hat. Derweil haben viele Minsker ihre Wohnungen oder Datschas angeboten, um den Unterricht weiterzuführen. Während die Gymnasiasten den Aufstand proben, büffeln ihre Altersgenossen fleißig ein Fach, das gerade eingeführt wurde: Grundlagen der Ideologie des weißrussischen Staates.

taz Nr. 7147 vom 3.9.2003, Seite 11, 141 Zeilen (TAZ-Bericht), BARBARA OERTEL

 

Süddeutsche Zeitung / Weißnichtsrussland
Minsk wünscht keine politische Bildung für seine Bürger

Die Herren vom KGB klingelten im Morgengrauen. Als der deutsche Juso Jan Busch um 6.45 Uhr die Tür seines Hotel-Apartments im weißrussischen Schlobin öffnete, blickte er nicht nur in die Gesichter zweier Anzugträger, sondern auch gleich in eine Kamera. "Da wurde das komplette Programm abgespult", erinnert sich Busch. Die Leute vom Geheimdienst, in Weißrussland noch so genannt wie zu Sowjetzeiten, lasen dem 30-jährigen Deutschen einen Ausweisungsbeschluss vor, wonach er sich in die "inneren Angelegenheiten eingemischt", zur Vereinigung der Opposition aufgerufen und "gegen den Präsidenten" gearbeitet habe. Dann ließen sie Busch nur noch seine Sachen zusammenpacken, brachten ihn im Auto in die Hauptstadt Minsk und setzten ihn ins nächste Flugzeug nach Warschau.

Buschs Vergehen: Hauptsächlich mit Geld des deutschen Außenministeriums hatte er in Provinzstädten Seminare für junge Weißrussen organisiert. "Wir haben da zu nichts aufgestachelt", betont der internationale Koordinator der nordrhein-westfälischen Jungsozialisten. Den hauptsächlich aus Oppositionsgruppen kommenden Teilnehmern sei nur vermittelt worden, wie man sich politisch organisieren könne. Genau dies ging dem Regime in Minsk aber offenbar schon zu weit. Ein Sprecher des weißrussischen Außenministeriums bezichtigte Busch, er habe "den Interessen unserer nationalen Sicherheit und des Volkes geschadet". Für den Juso ist das ein "haltloser Vorwurf, der der Phantasie der weißrussischen Behörden entspringt". Die Bundesregierung protestierte und nannte den Vorfall eine "Belastung der bilateralen Beziehungen". Das Auswärtige Amt bestellte Weißrusslands Geschäftsträger ein.

Die theatralische Ausweisung Buschs fügt sich aber in eine Kampagne, durch die Weißrusslands autoritärer Präsident Alexander Lukaschenko offenbar jeden noch so kleinen Widerstand im Land brechen will. Zu spüren bekommen haben das in den vergangenen Wochen sogar die Schüler eines Minsker Gymnasiums. Die Behörden verfügten die Schließung des Jakub-Kolas-Lyzeums, das kurz nach der Unabhängigkeit Weißrusslands gegründet worden war. Die Schule bemühte sich um westlich geprägten Unterricht sowie um die Vermittlung weißrussischer Kultur und demokratischer Werte. Als Schüler, Eltern, Lehrer und Sympathisanten gegen die Schließung protestierten, wurde die Polizei gegen sie in Marsch gesetzt.

Lukaschenko, der Weißrussland seit 1994 beherrscht, fürchtet offenbar gerade bei jungen Leuten jeglichen unabhängigen Geist. So soll an den Hochschulen des Landes das Fach "Ideologie des weißrussischen Staates" eingeführt werden. Die ideologische Erziehungsarbeit an Schulen und Hochschulen sei von großer Bedeutung, verkündete der Präsident und warnte: "Sonst verlieren wir unsere Jugend."

Oppositionelle Medien hat Lukaschenko mittlerweile nahezu komplett verboten. Möglichst ungestört von Kritikern will er offenbar nächstes Jahr ein Referendum durchführen, das ihm eine dritte Amtszeit erlaubt. Sein Land könnte er dann bis 2011 im Griff halten.

Daniel Brössler
[Sueddeutsche Zeitung]

 

Brief an Präsident Lukaschenko
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