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Institut Dr. Flad
Berufskolleg für Chemie, Pharmazie und Umwelt

Ausbildung mit Markenzeichen. Seit 1951.

Gegen die Ausgrenzung

Artikel in PTAheute vom August 2004

p>PTAheute Wir, die Klasse PTA 7B des Instituts Dr. Flad in Stuttgart, haben uns aufgrund eines Projekttages an unserer Schule (Motto: Schule ohne Rassismus) mit dem Thema Rassismus befasst. Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage In erster Linie denkt man bei dem Wort Rassismus natürlich an Ausländerhass. Doch Rassismus kann auch die Ausgrenzung von Minderheiten bedeuten. Wir fragten uns, inwiefern wir in unserem späteren Berufsleben in der Apotheke mit dieser Ausgrenzung zu tun haben werden. Deshalb entschieden wir uns, auf eine andere Art von Rassismus aufmerksam zu machen. Allzu deutlich wurde uns bewusst, dass wir keine Ahnung haben, wie die Arzneimittelabgabe für Blinde, Sehbehinderte und Gehörlose in der Apotheke eigentlich gehandhabt wird. In Deutschland gibt es viele Gesetze und Verordnungen, die den Alltag im gesellschaftlichen Zusammenleben regeln sollen. Auch in der Apotheke, z. B. das Arzneimittelgesetz oder die Gefahrstoffverordnung. Sie dienen der Sicherheit des Einzelnen. Durch die Packungsbeilage wird auf die möglichen Gefahren wie Nebenwirkungen oder Wechselwirkungen eines Arzneimittels hingewiesen.

Berufsleben in der Apotheke Gleich zu Beginn unserer PTA-Ausbildung lernten wir im Galenik-Praktikum, dass es nicht nur wichtig ist, ein außerordentlich qualitativ anspruchsvolles Produkt anzufertigen, sondern es auch richtig zu kennzeichnen. Doch wie soll z. B. ein Blinder diese Beschriftungen lesen? Er beherrscht zwar die Blindenschrift, aber Beschriftungen und Beipackzettel gibt es nur in der für uns lesbaren Schriftsprache. In der Hoffnung, möglicherweise im Berufsleben von unsereren zukünftigen Arbeitgebern den richtigen Umgang mit derartigen Situationen zu lernen, ergriffen wie die Initiative und gingen mit unseren Fragen in 26 Apotheken. Wir erhielten auf unsere Fragen folgende Antworten:

  1. Haben Sie spezielle Beschriftungen für Blinde?
    25 Apotheke antworteten mit Nein! Eine einzige mit Ja, jedoch nur für Rezepturen, nicht für Fertigarzneimittel wie z. B. Paracetamol.

  2. Können Sie sich mit Gehörlosen verständigen?
    25 antworteten wiederum mit Nein, denn Blatt und Stift würden ausreichen, doch wo bleibt da die Beratung? Eine antwortete mit Ja, jedoch nur, weil sich ein Gehörloser in der Verwandtschaft befindet.

  3. Hatten Sie schon einmal mit blinden oder gehörlosen Kunden zu tun?
    Sechsmal Nein, zwanzig antworteten mit Ja. Zusätzliche Auskünfte zu dieser Frage waren: Es wären sehr oft Begleitpersonen dabei, auch sehe man Gehörlose als selbstständig an, weswegen es keine Probleme gäbe.

  4. Auf die Frage: Wie würden bzw. haben Sie sich verhalten? kamen folgende Vorschläge:
    "Ganz normal", "Langsam und deutlich sprechen", "Entsprechendes aufschreiben, sich Zeit nehmen", "Man darf sich nichts anmerken lassen".

Auch uns scheint es realitätsfremd, zu verlangen, dass sich in jeder Apotheke eine der Gebärdensprache mächtige Person befinde. Obwohl wir es uns nicht vorstellen konnten, müssen wir aufgrund der von uns gesammelten Erfahrungen jedoch eingestehen, dass den Belangen von Blinden, Sehbehinderten, Gehörlosen und Stummen oftmals mit starker Gleichgültigkeit begegnet wird. Gesellschaft noch nicht genügend Aufmerksamkeit geschenkt.

Beispielsweise gibt es nur wenige Packungsbeilagen in Blindenschrift. Bei der Abgabe von gefährlichen Stoffen gemäß der Gefahrstoffverordnung gibt es auch nur Tastmarken. Falls Sie sich nun die Frage stellen: "Was soll man denn noch tun? Die Tastmarke weist doch ausreichend auf die Gefährlichkeit des Stoffes hin." So möchten wir Ihnen antworten: "Eine Tastmarke ist zwar ein guter Anfang, doch sie sagt nichts über die Art der gefährlichen physikalischen Eigenschaften aus, z. B. ob sie explosionsgefährlich oder hochentzündlich sind. Und sie sagt nichts über die Giftigkeit des Stoffes aus! Natürlich schließen wir die Möglichkeit der ausführlichen Beratung und den entsprechenden Hinweisen zur richtigen Handhabung nicht aus, dennoch, wer von uns erinnert sich, in welcher Dosis er ein Medikament vor zwei der mehreren Monaten eingenommen hat?"

Um Ihnen die Gefahr, die für unsere Mitmenschen ausgeht, zu verdeutlichen, möchten wir folgendes Beispiel anführen: "Im Fach Arzneimittelkunde lernten wir, dass Aspirin nicht nur als Analgetikum, sondern auch als Thrombozytenaggregationshemmer wirkt und in keinem Fall mit Marcumar eingenommen werden darf, da sich die Wirkung übermäßig verstärkt und so zu inneren Blutungen führen kann. Ein Sehender kann diese Problematik der Packungsbeilage entnehmen, ein Blinder nicht."

Es gibt viele Möglichkeiten, diesen Menschen schon auf einfachste Art und Weise zu helfen. So besteht z. B. auch die Möglichkeit, Beipacktexte in Form von MP3s oder Audio-CDs bei einigen Herstellern oder die Medikamentenpackungen mit den Einnahmeevorschriften in Braille-Beschriftung zu versehen.

Doch wie bereits zu Beginn erwähnt, handelt es sich um ein Projekt, das wir weiterzuführen gedenken. Damit unsere durchaus ausarbeitungsfähigen Vorschläge nicht erst in zwei Jahren im Berufsleben beherzigt werden, sondern das Apothekenpersonal bereits jetzt sensibilisiert wird, bietet sich uns folgende Möglichkeit: Wir bitten um Unterstützung, damit dieses Thema nicht länger ignoriert wird. Vielleicht veröffentlichen Sie demnächst z. B. in der PTAheute einen Artikel zu diesem Thema, das uns so beschäftigt.

Im Vordergrund dieser Aktion steht das Vorgehen gegen das Unterdrücken von Randgruppen und die damit verbundene Erinnerung, dass die Apotheke die vom Staat übertragene hoheitliche Aufgabe hat, die Bürger der Bundesrepublik Deutschland ordnungsgemäß mit Arzneimitteln zu versorgen. Diese ordnungsgemäße Versorgung steht allen Bürgern der Bundesrepublik Deutschland zu. Wenn man etwas ändern will, muss man sich der Konsequenzen bewusst sein, und wenn diese der Besserung der Lebensqualität von Randgruppen dienen, so kann dies nur ein weiterer Grund sein, dieses Ziel zu verfolgen.

Mandy Reichardt
PTA 7B des Instituts Dr. Flad