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13. Stuttgarter Chemietage: Chemie hat Zukunft - auch in Deutschland
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13. Stuttgarter Chemietage
Chemie hat Zukunft - auch in Deutschland

CLB Chemie in Labor und Biotechnik, Heft 09/2007

Chemie hat Zukunft, auch in Europa und Deutschland. Diese These untermauerte der Präsident der Gesellschaft Deutscher Chemiker (GDCh), Prof. Dr. Dieter Jahn, in seinem Vortrag "Chemie - Quo vadis" Ende September auf den 13. Stuttgarter Chemietagen mit zahlreichen Argumenten.

So seien sieben der zehn drängendsten Probleme der Menschheit - laut US-Forscher R. E. Smalley (s. Kasten links) - in den nächsten 50 Jahren nur mit Hilfe auch der Chemie lösbar. Dass Europa in der Chemie wie bisher führend bleibe (Abbildung 3) erfordere jedoch bestimmte Voraussetzungen und Maßnahmen; andernfalls seien auch andere Entwicklungen vorstellbar.

Jahn verwies dabei auf vier Szenarien des europäischen Chemieverbandes Cefic (Abbildung 1). Danach ergibt sich die positivste Entwicklung für die Chemie nur, wenn bahnbrechende Innovationen eingeleitet werden und man sich genau auf die Wünsche der Kunden ausrichtet.

Laut Jahn bedeutet dies einerseits für europäische Chemiefirmen, Forschung und Entwicklung zu forcieren, andererseits aber auch, weiterhin Massenchemikalien (Commodities) zu produzieren - und das bei den niedrigsten Kosten weltweit. Für beide Anforderungen sieht er den Boden bereitet. So erziele die europäische chemische Industrie 22 Prozent ihres Umsatzes in Europa, erbringe hier aber 42 Prozent ihrer Forschungs- und Entwicklungsleistung.

Und für die Anforderung der Kostenführerschaft bei Commodities hat Jahn, beruflich verantwortlich für das globale Kompetenzzentrum "Science and Innovation Management" der BASF AG, u.a. die Lösung "Verbund" parat, ein Schlagwort, dass die optimale Vernetzung der tausenden von Produktionslinien der BASF in Ludwigshafen und an anderen großen Standorten in Belgien, USA oder China beschreibt. Der Begriff wurde vom früheren BASF-Vorstandsvorsitzenden Strube geprägt und hat mittlerweile seinen Einzug in die englische Sprache gehalten...

Wobei Kosten auch bei kleineren Chemiefirmen durch ganzheitliche Betrachtung der Prozesse gespart werden können. "Die Forderung nach Ökoeffizienz ist eine große Chance für uns", so Jahn. Es gehe darum, Prozesse so zu gestalten, dass sie von sich aus möglichst wenig Neben- oder gar Abfallprodukte liefern. Ein Mittel dazu sei der Einsatz immer wirksamerer Katalysatoren. Deren Einfluss auf die Produktion demonstrierte der Chemiker, der Stuttgart schon durch seine Promotion und jetzt durch den Lehrauftrag für "Industrielle Biotechnologie" verbunden ist - am Beispiel der Acrylsäure-Synthese (Abbildung 2).

Einen weiteren Weg, Kosten zu senken, sieht der GDCh-Chef auch in Firmenzusammenschlüssen. "BASF, Bayer, Degussa - jetzt ja das Geschäftsfeld Chemie der neuen Evonik Industries - sind im Chemiebereich nach außen sichtbar. Das Eigentliche spielt sich jedoch in kleineren Firmen ab. In Europa gibt es 25 000 Chemieunternehmen." Auf Grund dessen, dass die Chemie stark fragmentiert und spezialisiert ist, erwartet Jahn jedoch - im Unterschied zur Automobilindustrie mit ihren rund ein Dutzend Unternehmen - nur eine Konsolidierung auf niedrigem Niveau. Auch in 20 Jahren werde es wohl noch über 10 000 Chemiefirmen in Europa geben.

Die Autobranche sei übrigens ein wichtiger Kunde für die chemische Industrie, und durch die Größe der Auftraggeber herrsche dabei ein enormer Kostendruck. "In einem Mittelklasse-Fahrzeug steckt Chemie für durchschnittlich 800 Euro drin, mehr als der Wert des Stahls. Bei Verhandlungen jedoch etwa um Chargenpreise für Lacke geht es um Euro-Cent-Beträge", führte Jahn aus.

Wenn die Chemie mit ihren Auftraggebern kooperiere bestünden jedoch besondere Chancen zu Innovationen und zu einer Win-Win-Situation. Dies zeige beispielsweise eine Kooperation der BASF mit Mercedes. Für die Modelle der A-Klasse sei man bei der Lackierung Systemlieferant. Bezahlt werde pro lackiertem Auto. So könne man seitens der Chemie den gesamten Prozess optimieren. Ähnliche Kooperationen gebe es jetzt u.a. auch bei dem Mini von BMW.

Für die Stärkung von Forschung und Entwicklung sei es notwendig, auf die Zusammenarbeit von Industrie mit kleinen neuen Firmen und Forschungsinstituten zu setzen. Die BASF hätte beispielsweise 100 Millionen Euro als Venture Capital zur Verfügung gestellt. Der High-Tech-Gründerfonds mit Beteiligung des Bundes und mehrerer Unternehmen habe zur Förderung junger Firmen für eine Laufzeit von zwölf Jahren 270 Millionen Euro bereit gestellt.

Der GDCh-Präsident machte auch darauf aufmerksam, dass Forschung und Entwicklung in der Chemie dem Umweltschutz zugute käme. Z.B. flössen etwa ein Drittel der F&E-Ausgaben bei der BASF in Projekte, die in Zusammenhang mit dem Klimaschutz stünden. So erwartet er mehr Stromversorgung aus Sonnenenergie dadurch, dass organische Fotovoltaik zum Zuge käme. Mit Gestehungskosten von weniger als 15 Euro-Cent pro Kilowattstunde sei sie nur etwa ein Drittel so teuer wie Fotovoltaik-Strom aus Silicium-basierten Sonnenzellen. Zudem könne man wohl in Zukunft organische Leuchtdioden für Beleuchtungszwecke einsetzen. Sie benötigten für die gleiche Lichtausbeute nur etwa die halbe Energie wie Energiesparlampen. Besonders hob Jahn das Energie-Einspar-Potenzial von effektiven Gebäude-Dämmungen mit Kunststoffen hervor. In Ludwigshafen gebe es bereits eine Siedlung mit 1-Liter-Häusern. Diese Häuser benötigten also nur einen Liter Heizöl pro Quadratmeter Wohnfläche und Jahr zum Heizen; normal seien 20 Liter. Selbst Altbauten ließen sich mit Dämmstoffen zu 7-Liter-Häusern, eventuell sogar zu 3-Liter-Häusern umrüsten. Eine interessante Aufrechnung für die Erfolge moderner Chemie gab er am Rande: Wärmedämmung durch die von der BASF erzeugten Kunststoffe spart etwa fünfmal soviel Kohlendioxid ein wie deren Produktion erzeugt...

Schließlich gab Jahn noch seine Freude darüber zum Ausdruck, dass die Akzeptanz der Chemie in Deutschland gestiegen sei. Etwa 62 Prozent der Bevölkerung stünden ihr eher positiv gegenüber. Im Nachbarland Frankreich seien dies nur etwa 31 Prozent. Bedauerlicher Weise gebe es nach wie vor irrationale Einstellungen, etwa gegen die "grüne Gentechnik". Dabei sei diese weltweit schon sehr verbreitet; 100 Millionen Hektar Ackerland seien mit gentechnisch modifizierten Pflanzen bestellt.

Der Vortrag des GDCh-Präsidenten auf den 13. Stuttgarter Chemietagen gab einen bemerkenswerten Überblick über die Zukunft der Chemie. Detaillierte Informationen lieferten eine Vielzahl von Vorträgen (Abbildung 4), die teilweise künftig in der CLB von den Vortragenden vorgestellt werden. Ebenso kamen Seminare zur Chemiedidaktik nicht zu kurz. So stellte Prof. Viktor Obendrauf, der in dieser CLB ab Seite 328 über Cumarin schreibt, "Experimente mit Gasen im Minimaßstab" vor.

Rolf Kickuth

 

» zur ausführlichen Dokumentation der 13. Stuttgarter Chemietage mit Vortragsfolien und Bildern