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Institut Dr. Flad
Berufskolleg für Chemie, Pharmazie und Umwelt

Ausbildung mit Markenzeichen. Seit 1951.

"Historische Chemieaktien": Ausstellung und Vortrag im Institut Dr. Flad

Gastvortrag von Dr. Joachim Sommer: "Historische Wertpapiere der chemischen Industrie in Deutschland - in Bezug gebracht zu Justus von Liebig" am 24.09.2003

So kurvenreich wie die Kurse manche Aktien verlaufen, so verläuft auch der Erfolgskurs ihrer Gesellschaften nicht immer nur nach oben. Dass dies nicht nur heute sondern auch schon früher so war, bewies uns Dr. Joachim Sommer aus Heidelberg mit einer Power-Point-Präsentation über Historische Chemieaktien.

größer Einen wesentlichen Beitrag zur Entstehung dieser Aktiengesellschaften leistete der bekannte Chemiker Justus von Liebig. Mit einer kurzen Biographie begann so der interessante Vortrag über unzählige Aktien und deren Firmen und Gesellschaften. Justus von Liebig besaß eine scharfe Beobachtungsgabe, ein ungeheures Gedächtnis und einen großen Eifer, v. a. für die Chemie. Allerdings wurde ihm das zum Verhängnis, denn er brach die Schule (1811-1817) und anschließend seine Apothekenlehre (1817-1818) ab. Aber seiner Genialität, zum Beispiel Jahrmarktexperimente alleine am entstehenden Rauch nach zu vollziehen, verdankte er es, dass er von 1820-1822 ein Chemiestudium in Bonn und Erlangen ablegen konnte. Er erhielt den Doktortitel an der Uni Erlangen und wurde bereits mit 21 Jahren als Professor an die Uni Gießen berufen. Er erlangte durch viele Veröffentlichungen ( zum Beispiel "Agricultur Chemie", dt.: Grundlagen der Mineraldüngung), Forschungsarbeiten und Erfindungen, wie zum Beispiel die des Knallsilbers oder des Fleischextrakts, auf verschiedenen Gebieten der Chemie schnell Ruhm. Er bekam auch seinen Freiherr-Titel Justus von Liebig verliehen. Mit Aktien kam er 1857 in Kontakt, als er die "Bayerische Aktiengesellschaft" mitgründete. Justus von Liebig beteiligte sich am Grundkapital und saß mit im Verwaltungsrat.

Mit dieser ersten Aktiengesellschaft, der "Bayerischen Aktiengesellschaft für chemische und landwirtschaftlich-Chemische Fabrikate" begann ein Streifzug durch verschiedene Gesellschaften, Firmen und Unternehmen und deren Aktien. Als erstes klärte Dr. Joachim Sommer den zentralen Begriff "Aktie": Aktien haben die Funktion als Finanzierungsinstrumente der Wirtschaft zu wirken. Aktienbesitzer sind gleichzeitig auch Teilhaber der Firma und sie haben ein Mitspracherecht bei der Geschäftspolitik.

Auch die nächste Firma, die "Superphosphatfabrik Nordenham" hatte indirekt etwas mit Liebig zu tun. Auf Liebigs Erfindung des "Superphosphats" gab es noch kein Patent und somit konnte jeder dieses Düngemittel produzieren. Diese Gesellschaft wurde 1906 durch den Norddeutschen Lloyd gegründet. Nach dem Krieg wurde sie treuhändisch zu "Preussag" überführt und 1956 an die "Guano-Werke" in Hamburg verkauft. Diese wiederum wurden 1883 als "Anglo-Continentale-Guano-Werke" gegründet. 1927 kam es zur Übernahme der "Merck'schen Guano- und Phosphat-Werke-AG" und 1969 wurden sie zur "BASF-AG" angegliedert. Auch die "Bayerischen Stickstoff-Werke" wurden 1908 unter Beteiligung der "Guano-Werke", "Siemens & Halske" und der "Deutschen Bank" gegründet. Diese Gesellschaft produzierte Kalkstickstoff aus Carbid und Stickstoff. Eigentlich wollten sie aus diesen beiden Substanzen Calciumcyanid für die Goldlaugerei herstellen. Dieser Versuch schlug allerdings fehl, aber Kalkstickstoff war ein sehr guter Dünger. Für die Synthese ist viel Energie nötig gewesen und deswegen beteiliget sich "Siemens & Halske", die für die Stromerzeugung zuständig waren. Die "Deutsche Bank" fungierte als der "Geldgeber". 1939 kam es zur Fusion mit der "Bayerischen Kraftwerke AG". Es entstand daraus die "Süddeutsche Stickstoff-Werke-AG".

Düngemittel waren zu dieser Zeit eine gute Einnahmequelle und so gab es etliche Firmen, die sich mit dieser Produktion beschäftigten. So auch die "Continentale Stickstoffwerke", die 1922 in München gegründet wurden. Dr. Joachim Sommer präsentierte uns hier eine schön gestaltete Gründeraktie. Jedoch existierte die Firma nicht lange und ging nach erneutem Geldbedarf pleite. Geldmangel machte sich auch in der Gestaltung der Aktien deutlich, die dann nur noch schlicht waren.

Die Inflationszeit machte auch der "Chemischen Fabrik Weilheim" zu schaffen, die auch in München entstand (1923) und dort ihren Sitz hatte. Die Produktion fand in Weilheim statt. Jedoch war die Inflation so weit fortgeschritten, dass die Löhne für die Arbeiter halbtägig ausgezahlt werden mussten, da das Geld am nächsten Tag nicht den gleichen Wert wie am Vortag hatte. Somit verloren auch die Aktien ihren Wert und letztendlich ging auch die Firma 1924 zu Grunde. Auch die "Bayerische Aktiengesellschaft" litt unter der Inflationsperiode, aber überstand diese schwierige Zeit. 1941 kam es zur Fusion mit "VBF" zur "Süd Chemie AG München", die es bis heute noch gibt und die sich v. a. mit Bleicherde und Tonchemie beschäftigt.

größer Mit einem der bekanntesten Düngemittelproduktionsverfahren, dem "Haber-Bosch-Verfahren", brachte es die "Badische Anilin- und Soda-Fabrik" sehr weit. Mit einer spektakulären Aktion wurde diese Firma auf dem Bayerischen Staatsgebiet gegründet. Dies hatte sie Justus von Liebig zu verdanken, der die Ansiedlung als Berater des bayerischen Königs befürwortete. So wurde die "Badische Anilin- und Soda-Fabrik" in nur zwei Wochen genehmigt und in Ludwigshafen von Engelhorn und Clemm als Teerfarbenfabrik gegründet.

Um das Jahr 1865 entstanden viele dieser Teerfarbenfabriken, wie auch die "Farbwerke Hoechst", die von Meister, Lucius und Brüning im Jahre 1863 gegründet wurden. Die Produktion von Teerfarben und später von Pharmaka standen dabei im Mittelpunkt. Eine weitere Teerfarbenfabrik war die "Friedrich Bayer & Co.", zu der uns Dr. Joachim Sommer eine Aktie über Eine Million Mark vorstellte, was von einem beachtlichen Kapitalbedarf zeugte. In Russland hatte diese Firma eine Tochterfirma, wodurch es zweisprachige Aktien (in kyrillisch und deutsch) gab. 1925 entstand die "I. G. Farbenindustrie", die aus sechs Teerfarbenfabriken gebildet wurde. Schon 1916 wurde dieser Zusammenschluss vereinbart und schon 12 Jahre davor machte Carl Duisberg den Vorschlag des Zusammenschlusses, der dann auch von 1925-1935 den Platz als Vorsitzender inne hatte. Von 1935-1940 war Bosch der Vorsitzende, was man aus einer Aktie erkennen konnte. Aus der IG Farben entstanden nach dem 2. Weltkrieg 12 Aktiengesellschaften.

1955 entstand die "Chemie Verwaltung" aus "BASF", "Bayer" und "Hoechst". Sie besaßen 50 % der Aktien der "Chemischen Werke Hüls", wodurch sie kleinere Chemieaktiengesellschaften als Nachfolger der "IG Farben" kontrollieren konnten. "Degussa-Hüls", waren durch Übernahme der "Chemischen Werke Hüls" durch die "Degussa AG" 1999 entstanden. Im Jahr 2000 kam es zur Fusion von "VEBA" und "VIAG" zum Stromriesen "E.on". Die Chemiesparten "SKW" und "Degussa-Hüls" wurden zur "Degussa" vereinigt. Eine moderne Aktie zeigte uns hier Dr. Joachim Sommer, auf der das Molekül "Si 69" abgebildet war, welches ein organisch-anorganischer Komplex ist, der in der Kautschuk-Industrie eingesetzt wird. Die gezeigte Aktie weist als sog. "Stückaktie" keinen Nennwert aus.

Die letzte Firma schloss den Rahmen des Vortrags und kehrte zu einer von Justus von Liebigs Erfindungen - dem Fleischextrakt - zurück: Die "Niederlausitzer Bad Reichenhaller Chemischen Werke" ("Nibrag"), die 1922 gegründet wurde und schon vier Jahre später wieder aufgelöst wurden und deren Produkte Fertigsuppen waren.

Dieser Lauf durch Gründungen, Zusammenschlüsse und Auflösungen von Firmen wurde an der Darstellung der Aktien deutlich. Als Erinnerung durften drei glückliche Gewinner einer Verlosung und zwei "Geburtstagskinder" jeweils eine dieser Chemieaktien mit nach Hause nehmen. Anhand der Aktien wurde uns von Dr. Sommer auch ein großer Überblick über die chemische Industrie vermittelt.

Dörte Lösch, LG 53

 

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