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Institut Dr. Flad
Berufskolleg für Chemie, Pharmazie und Umwelt

Ausbildung mit Markenzeichen. Seit 1951.

Zu Gast im Institut:

Birute Stern liest aus dem Buch ihres Vaters Max Fürst "Gefilte Fisch. Und wie es weiterging."

24. April 2006 im Institut Dr. Flad, 11.00 - 12.30 Uhr

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Am 24. April besuchte die 76-jährige Jüdin Frau Birute Hanna Stern das Institut Dr. Flad, um den Schülern über das Dritte Reich zu berichten. größer Sie sprach über den Holocaust, damit dieser nicht in Vergessenheit gerate und im Gedenken an ihren Vater, der in der antifaschistischen Jugendbewegung aktiv war und darüber zwei Bücher geschrieben hatte.

Frau Sterns Vater, Max Fürst, wuchs in dem damals deutschen Königsberg auf und wurde Tischler. Schon früh war er politisch aktiv und gründete einen "Jugendbund", als dessen Führer er durch Deutschland reiste, um die Ideen der Jugendbewegung als Reaktion auf den Antisemitismus zu propagieren und um auf die Probleme der Gegenwart u.a. in Gesellschaft und Bildung aufmerksam zu machen. 1925 ging er im Alter von 20 Jahren nach Berlin, wo er während des Aufstiegs Hitlers Widerstand gegen den Nationalsozialismus leistete. 1933/34 kamen er und seine Frau Margot ins Gefängnis, kurzzeitig ins KZ, weil sie dem Freiheitskämpfer Hans Litten zur Flucht verhelfen wollten. Daraufhin wanderten sie mit ihrer Tochter Birute nach Israel aus, kehrten jedoch schon 1950 nach Deutschland zurück, weil Max Fürst Deutschland als seine wahre Heimat betrachtete.

Zur Einführung des Vortrags wurde ein Film über Max Fürst eingespielt, in dem dieser die Bedeutung seiner Bücher als Mittel der Aufklärung vor allem für junge Menschen erklärte.

Beide Bücher, in denen Max Fürst von seinen Erlebnissen und denen befreundeter Freiheitskämpfer berichtet, sind anekdotisch und trotz des ernsten Inhalts sogar nicht ohne Humor geschrieben. Dies wurde deutlich, als Frau Stern aus dem ersten Buch, "Gefilte Fisch" (benannt nach einem jüdischen Nationalgericht), sowie aus dem zweiten, "Talisman Scheherezade - die schwierigen 20er Jahre" (in Anlehnung an 1001 Nacht), Textstellen vorlas. Inhaltlich ging es dabei einmal um den Straßenfeger, der gottähnlich mit dem Straßenschmutz das "Chaos" beseitigt, in der zweiten Textstelle um den Widerstandskämpfer Rudi Arendt, der selbst im KZ noch politisch aktiv war.

Außerdem las Frau Stern noch weitere von ihrem Vater verfasste Textausschnitte vor, darunter einen Brief, den dieser an seine inhaftierte Frau geschrieben hatte. Aufschlussreich war außerdem ein Text, in dem sich Max Fürst kritisch gegenüber dem Zionismus äußerte und sich mit der Freiheitsbewegung in Israel auseinandersetzte.

Zum Abschluss ihres sehr interessanten und informativen Besuchs las Frau Stern ein Gedicht vor, welches ihre Kernaussage widerspiegelte, nämlich, dass man die schrecklichen Geschehnisse während des Holocaust nicht vergessen und in Ehren halten sollte, dass einige Menschen aktiv waren und Widerstand gegen den Antisemitismus leisteten.

Clarissa Eisenbach, LG 56

 

"Gefilte Fisch"
Birute Stern zu Besuch im Institut Dr. Flad

"Gefilte Fisch" - so lautet der Titel einer Autobiographie, die der jüdische Schriftsteller Max Fürst bereits 1973 schrieb. Birute Stern, seine Tochter, besuchte unmittelbar nach den Osterferien das Institut und brachte den Schülern durch eine Kombination von Filmvorführung, Kommentar und auszugsweiser Lesung aus den Werken ihres Vaters die Zeit zwischen 1920 und 1950 nahe.

Eigentlich ist "gefilte Fisch" eine jüdische Spezialität, eine Art Nationalgericht, das sich dadurch auszeichnet, das dem Fisch die Gräten entnommen werden und er anschließend sehr lecker gefüllt wird. Der Fisch als Allegorie für das Leben- so wie im Fisch Gräten stecken können, so kann auch das Leben viele Widrigkeiten aufweisen. Das musste der Vater unserer Referentin sehr früh erleben.

größer Max Fürst wurde 1905 als Sohn jüdischer Eltern im ostpreußischen Königsberg geboren. Sein Umfeld war bürgerlich geprägt und das religiöse Judentum spielte so gut wie keine Rolle. Im Gegenteil: Max Fürst beschreibt in seinem Buch, wie "abstrus" der Familie die orthodoxen Juden erschienen. Sein Lebensweg in einer liberal gesinnten Umgebung schien vorgezeichnet, doch der Sohn weicht vom üblichen Weg ab und die Eltern haben die ersten Gräten zu schlucken. Max verlässt das verhasste Gymnasium vorzeitig, um eine Lehre als Tischler zu beginnen.

Sein eigentlicher Wunsch war es, Straßenfeger zu werden. Straßenfeger schaffen Ordnung, Sauberkeit und beseitigen das Chaos, so seine Tochter, deren Vorname Birute mit "Besen" übersetzt werden kann. Politisch zeichneten sich bereits zu Beginn der zwanziger Jahre chaotische Zustände ab. Erneut erteilt der junge Max den Vorstellungen seiner Eltern eine Absage, denn er beschäftigt sich intensiv mit Politik und fühlt sich den Sozialisten und Kommunisten verbunden. Die jüdische Wanderbewegung bot die ideale Plattform, da sie weit mehr war als eine an der Romantik orientierte Modeerscheinung: "Wir sind jung, die Welt ist offen", so das Motto der Mitglieder. Zeit seines Lebens war sich Max Fürst des hohen Stellenwertes der Bildung bewusst und er hat als Fürsorger bzw. Sozialarbeiter die Theorien auch in Taten umgesetzt.

Das politische Umfeld der Weimarer Republik ist geprägt von einer hohen Inflationsrate, steigender Arbeitslosigkeit und zunehmender Unzufriedenheit- eine gefährliche Mischung, die den Nährboden bietet für den rasanten Aufstieg der NSDAP. Für die jüdische Familie Fürst und ihre sozialistischen und kommunistischen Freunde besteht seit der Machtübernahme durch Hitler akute Gefahr.

Bereits 1933 wurden sowohl die Mutter als auch der Vater von Frau Stern verhaftet und in das KZ Oranienburg gesteckt. Der Vater kommt 1934 frei, die Mutter bleibt etliche Monate länger inhaftiert. Welche Macht und Stärke durch die Liebe freigesetzt wird, verdeutlichte die Tochter, als sie den Schülern aus den Briefen ihres Vaters vorlas, die dieser an die Mutter Margot ins KZ schickte.

Auch die engsten Freunde werden verhaftet, misshandelt und gefoltert, so dass etliche von ihnen keinen anderen Ausweg mehr sahen als Selbstmord zu begehen. Unter diesen Umständen entschließt sich die Familie 1935, Deutschland zu verlassen und nach Palästina auszuwandern. Seither zieht sich die Thematik Heimatverbundenheit bzw. Heimatvertreibung wie ein roter Faden durch das Leben von Frau Stern.

1950 kehrt die Familie nach Deutschland zurück. Die zionistische Doktrin des jungen Staates Israel war mit den Grundüberzeugungen der Fürsts nicht vereinbar, ein unkritischer Nationalismus lag ihnen fern. Die damaligen Probleme Israels sind auch die heutigen, so Birute Stern. Grenzen vorrangig mit militärischer Macht und Gewalt zu sichern sei keine tragfähige Lösung.

Unermüdlich wirkt Frau Stern, inzwischen 76 Jahre alt, im Sinne ihres Vaters. Sie versucht jungen Menschen beizubringen, wie wichtig es ist, Standpunkte im Leben zu finden bzw. zu haben- auch und gerade dann, wenn der "gefilte Fisch" Gräten enthält, das Leben also auch Unangenehmes bedeutet.

Literaturtipp, da nicht amüsant, aber interessant (Zitat W. Flad):
1.) Max Fürst, Gefilte Fisch - Eine Jugend in Königsberg, dtv
2.) Max Fürst, Talisman Scheherezade - Die schwierigen zwanziger Jahre, Hanser

Beide Bücher stehen in der Institutsbibliothek: Sie warten darauf, entliehen und gelesen zu werden!

Angela Schmitt-Bucher

 

Bücher von Max Fürst:

Gefilte Fisch. Eine Jugend in Königsberg.
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Gefilte Fisch. Und wie es weiterging.
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Max Fürst wird 1905 in Königsberg geboren. Mit dem Entschluss, das Gymnasium zu verlassen und eine Tischlerlehre zu beginnen, kehrt er der bürgerlich-jüdischen Welt seines Elternhauses bewusst den Rücken. In den zwanziger Jahren bricht er nach Berlin auf, wo er sich in der jüdischen und kommunistischen Jugendarbeit engagiert. Gemeinsam mit seiner Frau Margot wird Max Fürst 1933 von der Gestapo verhaftet und im Konzentrationslager Oranienburg inhaftiert. Nach seiner Freilassung emigriert das Paar 1935 nach Palästina, kehrt jedoch 1950 wieder nach Deutschland zurück.

Zusammen mit dem Künstler HAP Grieshaber betreibt das Ehepaar Fürst bis Mitte der fünfziger Jahre in Sulz am Neckar die legendäre Bernstein-Schule, eine private Kunstschule, die in der Nachkriegszeit für Künstler und Kunststudenten als Akademie-Ersatz dient. Max Fürst arbeitete bis Anfang der siebziger Jahre als Tischler in Stuttgart. Seine Autobiographie "Gefilte Fisch. Eine Jugend in Königsberg" erschien erstmalig 1973, ein zweiter Band folgte drei Jahre später. 2004 erschienen beide Bände zusammen mit dem Nachlass in einer Neuauflage unter dem Titel "Max Fürst - Gefilte Fisch und wie es weiterging".