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Institut Dr. Flad
Berufskolleg für Chemie, Pharmazie und Umwelt

Ausbildung mit Markenzeichen. Seit 1951.
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Schüler als Lehrer: Internet-Führerschein für Senioren
Grundlagen der Weiterbildung (GdWZ), 6/2001

Auf ganz neuen Wegen sollen interessierte ältere Menschen an den Computer und an das Medium Internet heran geführt werden: Schülerinnen und Schüler des Stuttgarter Berufskollegs Institut Dr. Flad, die selbst noch in der Ausbildung stehen, betreuen als Paten die Senioren und begleiten sie ganz individuell auf ihrem Weg durch die Grundoperationen am Computer. Derart vorbereitet können die Senioren dann die Angebote des neu gegründeten SeniorenNet aktiv nutzen und mitgestalten und ihrerseits neue soziale Kontakte über ihr Hobby aufbauen.

Grundvoraussetzung für jede Form der "unsichtbaren" Weiterbildung ist immer eine kreative Idee - die Idee, Lehren und Lernen auf neuen Wegen zu ermöglichen, um den Lernenden und dem Lernziel optimal gerecht zu werden.

COMPUTER IM GENERATIONENKONFLIKT
Lernziel Computer: für die jungen Leute eine alltägliche Selbstverständlichkeit, für deren Eltern der oft mühsame aber notwendige Versuch, mit der rapiden Entwicklung Schritt zu halten - und für Senioren absolutes Neuland.
PC und Internet - Begriffe, die in der klassisch lernaktiven Jugendzeit der heutigen Seniorinnen und Senioren überhaupt nicht verankert werden konnten, oft erst in den letzten Jahren ihres Berufslebens langsam auftauchten - da gilt es also nicht nur, eine Unmenge neuer Fakten zu lernen, sondern vor allem Berührungsängste abzubauen und Hemmschwellen zu überwinden. Dementsprechend sind "normale" PC- und Software-Kurse für Senioren oft nicht das Richtige.

JUNIOREN ENGAGIEREN SICH FÜR SENIOREN
Eine Lösung für dieses Problem ergab sich fast zufällig und an ungewohnter Stelle: die Schülerinnen und Schüler des Instituts Dr. Flad hatten seit 1996 in Zusammenarbeit mit dem "Treffpunkt Senior" in Stuttgart Experimentiernachmittage zu Themen aus Chemie und Umwelt für Senioren angeboten und waren stets auf große Resonanz gestoßen.
So bekamen die Senioren nicht nur Umweltchemie zum Anfassen vermittelt, auch die angehenden Chemisch-technischen und Pharmazeutisch-technischen Assistenten lernten viel dazu bei der Planung und der Realisierung dieser Workshops - schließlich wurde im Institut Dr. Flad schon immer Wert darauf gelegt, neben einer fundierten theoretischen und praktischen Ausbildung in

Chemie und Pharmazie auch zusätzliche Schlüsselqualifikationen wie soziale Kompetenz und Kommunikationsfähigkeit zu vermitteln. Deshalb nehmen die "Fladianer" auch am Internationalen Jugendprogramm teil, einem weltweiten Projekt, welches von Kurt Hahn ins Leben gerufen wurde, um das aktive und verantwortungsbewusste Miteinander junger Menschen zu fördern.

COMPUTER-PATENSCHAFTEN ZWISCHEN JUNG UND ALT
Im Sommer 1998 fassten Schülerinnen und Schüler des Instituts den Entschluss, den Bereich "Soziales Engagement" des Internationalen Jugendprogramms zu realisieren, indem sie älteren Menschen den Weg ins Internet ebneten: man wollte interessierten älteren Menschen die Chance bieten, die Nutzung des Internets zu erlernen, um zum Beispiel mit den Enkeln in den USA per E-Mail zu kommunizieren oder eine Reise am Computer zu planen.
Ans klassische Unterrichten dachte hierbei keiner: Jeder Senior bekam einen computererfahrenen Junior als "Paten" zugeteilt und lernte mit ihm Schritt für Schritt den Einstieg und die Nutzung des Internets - natürlich ab der ersten Minute direkt am PC.
Ganz wie von selbst realisierte sich so eine neue Form der "unsichtbaren" Weiterbildung - und durchaus nicht nur für die ältere Generation: Während diese nämlich fast spielerisch die Chancen und Möglichkeiten des Computers entdeckte und durch den persönlichen Kontakt mit dem jüngeren Fachmann die eigene Hemmschwelle problemlos überwand, lernten die Schülerinnen und Schüler, was es heißt, zu lehren und einem anderen Menschen Wissen und auch Spaß an der Sache zu vermitteln.
Dass es dabei nicht nur um den Computer ging, sondern ganz wesentlich auch um das Miteinander von Generationen, die in der heutigen Gesellschaft nur noch selten Kontakt haben, war ein besonders erfreulicher Nebeneffekt - und vielleicht sogar der nachhaltigste. Jung und Alt stimmten darin überein, vor allem Vorurteile abgebaut zu haben: Senioren berichteten begeistert von ihren hilfsbereiten, freundlichen und offenen Paten, mit denen das Lernen großen Spaß gemacht hätte - und die Schüler waren beeindruckt, mit welcher Energie die älteren Herrschaften bei der Sache waren und was sie schon alles in ihrem Leben geleistet hatten.

GRÜNDUNG DES SENIORENNET STUTTGART
Rege Nachfrage und großartiger Erfolg der Kurse für Senioren im Institut Dr. Flad führten 1999 auf Initiative der Schüler zur Gründung des SeniorenNet Stuttgart. Die Idee eines Netzwerkes speziell für Senioren stammt aus Amerika und hat seit 1996 in Deutschland Fuß gefasst - leider aber nur vereinzelt in regionalen Gruppen,

keineswegs flächendeckend. Über den PC finden dort computerbegeisterte ältere Menschen Kontakt zu Gleichgesinnten, zahlreiche Tipps und Tricks rund um ihr Hobby und - ganz wichtig - ständig aktualisierte Angebote zur Weiterbildung.
Die bis heute ständig wachsende Nachfrage nach den Angeboten des SeniorenNet beweist die Notwendigkeit eines solchen Netzwerkes: Interessierte ältere Menschen wollen ins Internet, wollen die Chancen und Möglichkeiten dieses neuen Mediums aktiv nutzen - haben aber dabei ganz andere Hürden zu nehmen als jemand, für den Computer eine Selbstverständlichkeit sind. Gerade auf diesen individuellen Bedarf konzentriert sich das SeniorenNet und stellt die Realisierung durch ein ganz einfaches, aber sehr wirksames Arbeitsprinzip sicher: hier ist jeder Teilnehmer aufgefordert, nach eigenem Können und Wollen aktiv zu werden, nicht nur zu nehmen, sondern Wünsche zu äußern und das Profil der einzelnen Regionalgruppen aktiv mitzugestalten - ein Netzwerk von Senioren für Senioren, in das sich aber auch die jungen "Paten" des Instituts Dr. Flad unterstützend einbringen können: Nach wie vor stehen zum Beispiel den Stuttgarter Senioren die Computer und das Know-how des Instituts Dr. Flad zur Verfügung, sodass die Angebote des SeniorenNet auch ohne eigenen PC wahrgenommen werden können - kostenloses Internet-Surfen und eine eigene E-MailAdresse natürlich inklusive!

FAZIT
Die Internet-Kurse für Senioren als Beispiel einer vielschichtigen "unsichtbaren" Weiterbildung - ein neuer Weg des Lehrens und Lernens, der das klassische Bildungsangebot von Schulen, Volkshochschulen und Universitäten zwar keinesfalls ersetzt, aber sicherlich ergänzt und bereichert.
In einem Jahr betreuten die Schülerinnen und Schüler mehr als 300 Senioren und machten sie fit fürs Internet. Mittlerweile läuft das SeniorenNet Stuttgart ganz eigenständig, beteiligt sich an Tagungen und Fortbildungskursen und die Mitglieder treffen sich nicht nur am Computer, sondern auch regelmäßig am Stammtisch, um persönliche Kontakte zu knüpfen und zu pflegen - die Initialzündung am Institut Dr. Flad ist also nicht sinnlos verpufft, sondern hat den Stein ins Rollen gebracht!

 
Autorin: Annette Spiekermann, Dipl.-Chem. ETH, Technische Lehrkraft und Dozentin für Organische Chemie am Institut Dr. Flad, Stuttgart; Bundesvorsitzende des Verbandes Deutscher Chemotechniker und Chemisch-technischer Assistenten (VDC)