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Institut Dr. Flad
Berufskolleg für Chemie, Pharmazie und Umwelt

Ausbildung mit Markenzeichen. Seit 1951.

"Migranten in Deutschland - integriert und trotzdem diskriminiert?"

Cem Özdemir, MEP

Vortrag im Institut Dr. Flad am 29. September 2006

Am 29. September stand ein erster und sehr interessanter Vortrag im neuen Schuljahr auf dem Programm: ein Besuch von Cem Özdemir, einem Abgeordneten des Europäischen Parlaments und Mitglied der Fraktion Die Grünen / Freie Europäische Allianz. Anlass war: Institut Dr. Flad seit 10 Jahren "Schule ohne Rassismus".

Als Herr Özdemir mit wenigen Minuten Verspätung im Hörsaal eintraf, wurde er zuerst sehr nett von Herrn Flad begrüßt und den Zuhörern vorgestellt. Da auch der Vater von Herrn Özdemir anwesend war, wurde natürlich auch er aufs Herzlichste willkommen geheißen.

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Zu Beginn gratulierte Cem Özdemir dem Institut zum Titel "Schule ohne Rassismus" und fügte hinzu, dass dies eine große Auszeichnung sei, auf die man stolz sein könne. Alle warteten nun gespannt, was er weiterhin erzählen würde.

Als erstes sagte er, dass Deutschland seiner Meinung nach nicht das schlimmste Land sei, was den Rassismus betrifft. Jedes Land hat für sich seine eigenen Probleme, aber es gäbe auch Gemeinsamkeiten. Ein gemeinsames Problem in allen Ländern sei zum Beispiel, alle Kinder und Jugendlichen ihrer Begabung entsprechend auszubilden. Damit haben viele Länder Probleme und nicht überall kann dies gewährleistet werden. Deshalb ist es wichtig, die zwei größten Themen, nämlich Zugang zum Arbeitsmarkt und Bildung, deutlich zu verbessern.

Da die Arbeitslosigkeit bei Ausländern in Deutschland bei 24 % liegt, ist es sehr wichtig, dies zu verändern. Dafür muss man aber auch schon früher, im Kindesalter, mit der Bildung beginnen. Bestes Beispiel war die PISA-Studie; eine andere Studie fand heraus, dass die Wahrscheinlichkeit, dass ein deutsches Migranten- oder Arbeiterkind das Gymnasium besuchen wird, vier Mal geringer ist als bei Kindern mit deutschen Wurzeln, trotz gleicher Begabung. In Bayern sei diese Wahrscheinlichkeit sogar sechs Mal geringer. Für solche Fälle gäbe es zwar schon viele Lösungsvorschläge, bisher aber noch wenig Einigung. Genauso wie bei der Frage "Wo sollen die Kinder nach der vierten Klasse hin?". Laut Cem Özdemir ist die Trennung der Kinder in diesem Alter noch viel zu früh, nach gerade mal vier Jahren Schule kann man noch nicht wirklich beurteilen, ob das Kind begabt genug für das Gymnasium ist oder nicht. Die Bildung der Kinder, egal ob deutsch oder mit anderer Nationalität, ist das A und O für die Zukunft Deutschlands. Die Kinder sind die Zukunft für Deutschland, sie werden später mal die großen Firmen führen, wenn die jetzige Generation es nicht mehr tun kann. Dafür müssen die Kinder entsprechend ausgebildet werden, denn jedes Kind hat die Chance auf eine gute Ausbildung verdient, auch wenn die Eltern nicht deutsch sind oder kaum deutsch sprechen können. Die Kinder können nichts dafür, dass ihre Eltern die Sprache nicht lernen wollen oder es nicht können.

Auch die Ausbildung der Erzieher soll deshalb stark verbessert werden. Herr Özdemir ist selbst ausgebildeter Erzieher und kann dies somit sehr gut beurteilen. Die Erzieher spielen im Leben von Kindern oft eine sehr große Rolle, zum Beispiel wenn die Eltern berufstätig sind und ihr Kind erst am Abend aus der Tagesstätte abholen können oder Eltern, die sich nicht um ihr Kind kümmern wollen und es vernachlässigen. Wer vermittelt ihnen dann Werte wie Höflichkeit oder gute Manieren? Diesen Part muss der Erzieher übernehmen, den das Kind den ganzen Tag um sich hat. Denn die Kinder haben ein Recht auf Förderung, damit sie es später im Leben besser haben als ihre Eltern. Das Bild vieler Familien in Deutschland scheint nur perfekt, ist es aber nicht. Mehr Kommunikation und Offenheit, auch innerhalb der Familien, ist nötig, die Kinder müssen mehr rausgehen und weniger vor dem PC sitzen, wie es heute leider so üblich ist. Auch dafür ist der Erzieher zuständig, wenn sich die Eltern dieser Rolle entziehen. Wenn den Kindern zuhause vermittelt wird, dass Mann und Frau nicht gleichberechtigt sind, muss der Erzieher den Mut haben, sich gegen diese Meinung zu stellen und seine eigene Meinung zu vertreten, damit die Kinder dieses falsche Bild der Rollenverteilung nicht weitertragen.

Eine Frage der Zuhörer kam bezüglich des strengen Bildungssystems in China oder Frankreich, dort werden die Kinder schon vor der ersten Klasse unterrichtet, und ob das Modell "Schule vor der Schule" auch bei uns funktionieren würde.

Herr Özdemir meint, dass die Kinder in den Vorschulen nicht schon den gesamten Stoff der ersten Klasse lernen müssten, doch wenige Grundlagen könnten dort schon vermittelt werden, um so früh wie möglich mit der Bildung zu beginnen, denn die Weichen für das spätere Leben des Kindes werden bereits vor der ersten Klasse gestellt! Doch ist es wichtig, einen fließenden Übergang von der Vorschule zur Schule zu schaffen, denn in den als Beispiel genannten Ländern ist der Übergang zu hart: Zuerst wird alles spielerisch vermittelt und kurz vor der Einschulung kommt der große Knall und die Kinder werden mit lernen überfordert, nur damit sie schon in der ersten Klasse über alle Grundlagen verfügen.

Die Sprachbarrieren sind ebenfalls ein großes Thema unserer Diskussion mit Herrn Özdemir gewesen. Es kam der Vorschlag, dass man hinsichtlich der Sprachkompetenz bei den Eltern und nicht bei den Kindern ansetzen müsse. Diesem stimmte Cem Özdemir vollkommen zu, wobei er einräumen musste, dass die Sprachkurse für Einwanderer leider erst seit kurzer Zeit Pflicht sind. Deshalb muss man im Moment noch das Beste aus der Situation machen, denn es gibt immer noch viel zu viele Ausländer in Deutschland, die kaum deutsch können, und deren Kinder haben dann auch dementsprechend ihre Probleme in der Schule. In diesem Zusammenhang sprach Herr Özdemir die Input-Output-Theorie an: wenn der Input stimmt, dann stimmt auch der Output. Was soviel heißt wie: haben die Kinder ein gutes Umfeld, in dem sie auch die Möglichkeit haben, die deutsche Sprache anzuwenden und nach und nach zu lernen, dann können sie das später auch weitergeben oder haben deshalb weniger Schwierigkeiten in der Schule, weil sie erstens die Sprache beherrschen, und zweitens keine Außenseiter sind, mit denen man nichts zu tun haben will, weil sie ja nicht mal die Sprache können.

größer Nun kann man natürlich sagen, dies seine eine Problemverlagerung von der Familie nach außen, denn die Familie sollte ja für den richtigen Input sorgen; das ist aber nicht immer möglich, gerade in Fällen in denen die Eltern die Kinder vernachlässigen. Die Kinder konnten sich nicht aussuchen in welche Familie sie hineingeboren werden, und wenn sie die nötige Zuwendung und Fürsorge nicht von den eigenen Eltern bekommen, ist eben das Umfeld der entscheidende Faktor für die Entwicklung des Kindes, sie wird somit zur gesellschaftlichen Aufgabe. Hilfreich ist es hierbei auch, wenn die Eltern der deutschen Kinder auch ein Auge auf die ausländischen Freunde ihrer Kinder werfen, z.B. bei der Kontrolle der Hausaufgaben.

Abschließend kann man sagen, dass unser Bildungssystem gründlich verändert werden muss. Vielleicht sollte es auch mehr Lehrer mit Migrationshintergrund geben, denen sich ausländische Schüler eher anvertrauen und von denen sie auch mehr Verständnis erwarten können, Probleme können gezielter besprochen werden. Man sollte keinem Kind oder Jugendlichen Steine in den Weg legen, nur weil sie Kinder mit Migrationshintergrund sind. Bei gleicher Begabung sollten auch ihnen alle Möglichkeiten, was Abitur, Hochschule und Karriere betrifft, offen stehen.

Herrn Cem Özdemir danke ich herzlich für die interessante und offene Diskussionsrunde, die er mit vielen persönlichen Beispielen und Erfahrungen bereichert hat.

Jana Essebier, LG 56

 
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Das Institut Dr. Flad ist seit 10 Jahren eine "Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage" »