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Institut Dr. Flad
Berufskolleg für Chemie, Pharmazie und Umwelt

Ausbildung mit Markenzeichen. Seit 1951.
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Dr. Manfred Flad 90 Jahre alt
CHEMKON Forum für Unterricht und Didaktik No. 4, 2003

Dr. Manfred Flad 90 Jahre alt Der Weg vom Schüler zum Wissenschaftler

Manfred Flad ist in einem Elternhaus mit pädagogischem Umfeld aufgewachsen, war Schüler am Stuttgarter Karlsgymnasium in der humanistischen Abteilung und legte 1932 die Reifeprüfung ab. Nach dem Beginn des Chemiestudiums 1932 an der Technischen Universität Stuttgart wurde die parallel verlaufende Vorbereitung zum Handelsschullehrer 1935 erfolgreich mit der Prüfung abgeschlossen: die Unterrichtstätigkeit an der Handelsschule war damit legitimiert und eine Finanzierungsgrundlage für das Chemiestudium garantiert. In seinem Lebenslauf ist die 8jährige "Nebentätigkeit" während des Chemiestudiums als Lehrer für kaufmännische Berufe ein auffälliges Persönlichkeitsmerkmal und rückblickend eine wichtige Erfahrungsgrundlage.

1939 wurde der Grad eines Dipl.-Ing. nach dem ausgezeichneten Abschluss der Diplomhauptprüfung erteilt - mit dem historischen Hinweis "aufgrund der Verordnung vom 22. Januar 1900". Die publikationsfähige Diplomarbeit hat M. Flad im Laboratorium für Physikalische Chemie und Elektrochemie durchgeführt und die experimentellen Parameter für das heterogene Reduktionsgleichgewicht Chrom/Chrom(III)-oxid in einer Wasserstoff-Atmosphäre bestimmt.

M. Flad wurde bereits 1941 zum Dr.-Ing. in der Abteilung für Chemie promoviert. Grundlage war die äußerst erfolgreiche und ergebnisreiche Dissertation über "Die Bestimmung der freien Energie und der Bildungswärme der Mischkristallbildung aus Chrom und Nickel". Durch Wahl der Reaktionsbedingungen ist es erstmalig gelungen, die grundlegenden Parameter für das heterogene Reduktionsgleichgewicht und für die Mischkristallbildung experimentell zu ermitteln: die Beschleunigung der Reduktion von Oxiden unedler Metalle in Gegenwart von edleren Metallen durch Mischkristallbildung war ein allgemeiner Befund.

Auf dem Gebiet der anorganischen Chemie hat M. Flad eine Reihe von wichtigen Problemen mit beachtlichen Erfolgen experimentell untersucht, die - wie die thermische Reduktion von Tonerde - von technischer Bedeutung waren: das ist der Tenor eines wissenschaftlichen Gutachtens. Bei den selbstständigen Forschungsarbeiten waren Metalloxide (Metall = Aluminium und Niob) Materialien für Leitfähigkeits- und EMK-Messungen.

Die aufwendige und anspruchsvolle Verwaltungstätigkeit als Assistent am Institut für Physikalische Chemie und Elektrochemie war für M. Flad kein Job, sondern eine Berufung für zukünftige Entscheidungen. Aufgrund der kaufmännischen Vorbildung ist es ihm gelungen, durch erfolgreiche Vertragsverhandlungen mit Behörden und Gerätefirmen, die Restaurierung und Sanierung des durch Kriegseinwirkungen betroffenen Instituts umsichtig und zeitgerecht durchzuführen. Trotz der wissenschaftlichen Erfolge und der universitären Erfahrungen hat sich M. Flad nach der langjährigen Tätigkeit nicht für die Hochschullehrerlaufbahn entschieden.

Der Weg zum Institutsgründer

Der Senior erinnert sich aus Anlass der 10. Stuttgarter Chemietage und des 50-jährigen Jubiläums des Instituts Dr. Flad: der 1.Oktober 1951 gehört zu den Erlebnissen, die auch nach 50. Jahren noch wach bleiben. Am Anfang stand ein Fabrikgebäude mit einem Saal von 100 m2 und ein Lehrgang mit 15 Teilnehmerinnen und 15 Teilnehmern, die teilweise Spätheimkehrer des 2. Weltkriegs waren. Naturwissenschaftlich interessierte Jugendliche wurden in der relativ kurzen Zeit von zwei Jahren zu selbständig arbeitenden und vielseitig einsetzbaren Chemisch-technischen Assistentinnen und Assistenten ausgebildet. Aktuell sind es mehr als 300 Schülerinnen und Schüler, die von 30 Lehrkräften unterrichtet und ausgebildet werden. Das Wohnheim der Schule und die Schulmensa sind ein sympathisches Umfeld und ein umgängliches Begegnungszentrum für die Studierenden. Bei einem Besuch des Chemischen Institutes wird man an die Lebensphilosophie eines Schweizer Verlegers erinnert: Zum Erfolg gibt es keinen Lift: man muss die Treppe benutzen (Emil Oesch).

1991 wurde mit der Ausbildung von Umwelttechnischen Assistentinnen und Assistenten begonnen und 1997 durch die Ausbildung von Pharmazeutisch-technischen Assistentinnen und Assistenten erweitert. Seitdem lautet die offizielle Bezeichnung: Institut Dr. Flad - staatlich anerkanntes Berufskolleg für Chemie, Pharmazie und Umwelt.

Der Institutsgründer war ein Manager ohne Allüren - ein umgänglicher und freundlicher Mensch mit dem Anspruch, Leistung und Verantwortung zu verlangen. Mit der für ihn typischen Pragmatik und praktischen Konsequenz wurde das Haus in der Breitscheidstrasse 127 in ein Lehrwerkstatt-ähnliches Institut umgerüstet und ein optimales Umfeld für die Schule gestaltet. Praktische Rezepte statt abstrakte Konzepte waren die Grundlage, um Faszination statt Stagnation zu erreichen; auf die Balance zwischen Qualität und Kapazität wurde stets geachtet. Das Ausbildungsinstitut hat sich im Verlauf der 50 Jahre zu einer wichtigen Adresse für eine konkret-konstruktive Ausbildung entwickelt: Der 90. Geburtstag wäre in südlichen Regionen ein Grund, um Rauch aufsteigen zu lassen.

In der Gründungsphase gab es kein "Coaching" für Unternehmungsführung und Unternehmungsberatung, um Marktlücken zu erkennen und Imagewerbung zu betreiben. In der Sprache der Industrie- und Wissensgesellschaft hat Manfred Flad keine Ich-AG gegründet, sondern sich für das Modell der Wir-AG der "Fladianer" entschieden. Im Rückblick würde ihm vielleicht der Titel Entrepreneur des Jahres 1951 verliehen. Durch Signale der Bescheidenheit und Offenheit, der Ehrlichkeit und Verantwortlichkeit wurden die Kontakte mit den Mitarbeitern erleichtert. Authentizität und Autorität waren Attribute einer imponierenden Persönlichkeit. M. Flad war ein Befürworter des Wettbewerbs und für den Institutsgründer war es eine entscheidende Erfahrung: Wenn der Markt die Schüler annimmt, dann hat das Institut seine Qualität und Originalität bewiesen.

Der Institutsgründer hatte ein Gespür für Qualitäts- und Funktionswandel; er hat sich als ein Experimentator verstanden, mit dem Mut neue Wege zu gehen: Visionen nicht nur denken, sondern lenken - das war seine Philosophie. Der Erfolgt stützt sich auf einen von der Sache überzeugten Institutsleiter, der den Spagat zwischen Vergangenheit und Zukunft gewagt und sich auf Veränderungen eingestellt hat: er war sich bewusst, wann es angemessen war sich zurück zu nehmen und zurück zu ziehen.

Im Mittelpunkt standen die Schüler: fordern und fördern waren Leitbildfunktionen. Durch Gruppenarbeit die Kreativität und Kooperativität anregen und die individuellen Fähigkeiten fördern - waren verbindliche Ziele. In Projektgruppen haben die Teilnehmerinnen und Teilnehmer ein Übungsfeld gefunden, um Handlungszusammenhänge und Ermessensspielräume zu erkennen und Beurteilungssicherheit und Kritikfähigkeit zu gewinnen. Die Projektgruppen sind eine Plattform, um Lösungsstrategien zu gestalten und Lösungserfolge zu überprüfen. Kontraste und Akzente bestimmen die Dynamik des Instituts in 50 Jahren: Multimediales Lernen ist am Institut eine Realität. Wenn der Institutsgründer durch die modernisierten Labore geht und an den Arbeitsplätzen Computer und Messgeräte sieht ist es möglich, dass er mit seinem schwäbische Humor ironisierend denken würde: Ob die wohl wissen was Schwefelwasserstoff und Wasser ist?

Auf dem Weg durch die Lebensepochen

Die Lebensspur führt mit 20 Jahren durch das Jahr 1933 und mit 30 Jahren durch die Kriegszeit. Durch die praxis-orientierte Forschung ist M. Flad die Einberufung zur Wehrmacht vermutlich erspart geblieben. Das Vertrauen in eine Weltordnung, die durch den Geist dieser Zeit nicht zerstört werden kann, war ein wichtiges Lebensprinzip oder literarisch eingefangen: Wissenschaft ist nur die Hälfte, Glauben ist die andere (F. Novalis).

Kulturelle Epochen wurden durchlaufen und wahrgenommen:

1913 war das Jahr, in dem von Marcel Proust das beziehungsreiche Buch erschien: "Auf der Suche nach einer verlorenen Zeit"
1914/15 war die Zeit reif für Einsteins allgemeine Relativitätstheorie.
1918 war das Erscheinungsjahr der Monographie von Ostwald Spengler: "Der Untergang des Abendlandes".
1927 wurden die Überlegungen von Martin Heidegger veröffentlicht über "Sein und Zeit"
1933 war die Zeit der Bücherverbrennung von jüdischen und anderen den Nazis missliebigen Autoren.
1939 nach Beginn des 2. Weltkriegs wurde die erste Kernspaltung durchgeführt.
1953 mit 40 Jahren erlebte Manfred Flad die Strukturvisionen von Watson und Crick über die DNA.
1963 als 50-Jähriger verfolgte er die Bürgerrechtsbewegung von Martin Luther King und in der Nachzeit der studentischen Revolte an den Hochschulen war Manfred Flad bereits ein 60-jähriger Institutsleiter.

Der Weg in die Zukunft

Die entscheidenden Entwicklungsphasen des Instituts in der Folgezeit hat Manfred Flad eingeleitet, tatkräftig unterstützt und zustimmend begleitet.

Preisstifter und Preisträger

Der 1987 gestiftete Manfred und Wolfgang Flad-Preis wird von der GDCh-Fachgruppe Chemieunterricht auf der Jahrestagung für herausragende experimentelle Arbeiten verliehen, um den chemischen Experimentalunterricht zu fördern und den Chemieunterricht attraktiver zu gestalten. Der Umweltschutz, die Abfallvermeidung oder Chemie und Lebenswelt werden zukunftsweisend behandelt und in den Unterricht einbezogen.

1986 wurde der von der Firma Degussa (Frankfurt) gestiftete Heinrich Roessler-Preis von der GDCh-Fachgruppe an Manfred und Wolfgang Flad für herausragende Erfolge und besondere Aktivitäten verliehen. Das Labormobil mit zahlreichen Einsätzen vor allem in den neuen Bundesländern ist ein Beweis für die nachhaltigen Bemühungen der Preisträger, den Kontext zwischen Chemie und Umwelt "vor Ort" herzustellen. Manfred Flad hat es verstanden, der nachfolgenden Generation - den beiden Söhnen Wolfgang und Jürgen - den notwendigen Gestaltungsraum zu eröffnen und zu überlassen.

Bilder von Manfred Flad mit einer Zigarre werden - bei der aktuellen Diskussion über die Tabaksteuer und die Raucherfolgen - lebendig; auf ihn trifft sicher nicht zu, was der Schriftsteller Mark Twain (18351903) über sich selbst sagt: "Es ist ganz leicht, sich das Rauchen abzugewöhnen; ich habe es schon hundert Mal geschafft." Bei der Begegnung mit Manfred Flad gewinnt der Besucher vielmehr den Eindruck: Der Genuss einer Zigarre ist nicht so sehr eine Frage des Geldes, sondern vielmehr eine Frage des Stils. Seiner Lebensphilosophie entspricht das Zitat: Nicht die Zigarre ist der Luxus, der wahre Luxus ist, die Zeit für eine Zigarre zu haben (Catherine Le Pesuquer). Alle, die Manfred Flad kennen, wünschen ihm, dass er im neuen Dezennium noch mehr Zeit finden wird, das Zelebrieren einer Zigarre zu genießen.

Das 90. Lebensjahr fällt beziehungsreich in das Jahr der Chemie: ähnlich wie Justus Liebig hat Manfred Flad sich auf seinem Lebensweg für Akzente und Aktivitäten entschieden der Erfahrung folgend: Das Geheimnis aller Erfinder und Gründer ist, nichts für unmöglich anzusehen. Der 15. August 2003 ist ein Anlass, Manfred Flad zu gedenken, zu ehren und zu beglückwünschen - für eine außergewöhnliche Lebensleistung und eine bewundernswerte Lebenseinstellung. Beim Lesen der Würdigung empfindet Manfred Flad wahrscheinlich, was Goethe Faust aussprechen lässt: Die Tat ist alles, nichts der Ruhm!

Richard P. Kreher