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Institut Dr. Flad
Berufskolleg für Chemie, Pharmazie und Umwelt

Ausbildung mit Markenzeichen. Seit 1951.

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Tattoo -
Chemie, die unter die Haut geht

Prof. Dr. Klaus Roth
Freie Universität Berlin, Institut für Chemie und Biochemie

Prof. Dr. Klaus Roth: Tattoo - Chemie, die unter die Haut geht

In der Vergangenheit hat Prof. Klaus Roth den Fladianern chemische Delikatessen, sei es in Form von Schokolade oder Kaffee, auf appetitanregende Art und Weise in seinen Vorträgen serviert. Nun stand im Rahmen der 18. Stuttgarter Chemietage ein Thema auf dem Programm, das nichts mit Kulinarik zu tun hat: Tattoos.

Sich tätowieren zu lassen, ist wieder in Mode gekommen, erlebt geradezu einen Aufschwung, zumal auch prominente Sportler oder Schauspieler ihren Hautschmuck offen zu Markte tragen.

Das war nicht immer so. Es gab Zeiten, da war es verpönt, Tattoos zu haben; man assoziierte damit Kriminalität, Prostitution, unterste Schicht…

größer Betrachtet man das Phänomen global und über Jahrhunderte hinweg, so zeigt sich, dass Tätowiertsein eher die Regel als die Ausnahme ist. 9% der Weltbevölkerung und ca. 22%-23% der Deutschen sind auf diese Weise verziert. Auch der berühmte Mann aus dem Eis, Ötzi, trug vor bereits 3.200 Jahren einen solchen Körperschmuck.

Die Motivation, sich Bilder, Symbole, Formeln oder Namen in die Haut stechen zu lassen, unterliegt einem gesellschaftlichen Wandel: weg von der Spiritualität der Bewohner der Südseearchipele hin zur reinen Zierde. "Anschaulich ablesbar am "Arschgeweih", das sich im Kreis der Tätowierten großer Beliebtheit erfreut(e), aber laut Prof. Roth keinerlei tiefere Bedeutung widerspiegelt.

Die Entscheidung, sich tätowieren zu lassen, erfolgt eher emotional als rational. Oft ist damit die Vorstellung verknüpft, sich aus der Masse herauszuheben, sich von ihr abzugrenzen, der Individualität durch ein einmaliges Gemälde auf dem Körper Ausdruck zu verleihen.

"Think before you ink!" Diese Aufforderung von Prof. Roth sollte in jedem Fall beherzigt werden. Tattoo - Chemie, die unter die Haut geht! Irreversibel! Warum? Der Referent lieferte in seinem Vortrag die Antwort dadurch, dass er den Prozess des Tätowierens vom Einstechen der Farbpigmente in bzw. unter die Haut hin zum Heilungsprozess beschrieb.

Die Kunst des Tätowierens beginnt mit dem ersten Nadelstich. Einerseits müssen die Farbpigmente tief in die Dermis vordringen, um dauerhaft auf der Hautoberfläche sichtbar zu sein. Andererseits müssen sie dicht unter der Epidermis liegen, damit die Brillanz der Farben zur Geltung kommt.

Die Qualität des Tattoos hängt auch vom Werkzeug ab. Dominierten früher einfache, geradezu primitive Werkzeuge, werden heute elektrisch betriebene Rotationsmaschinen verwendet.

Die Schmerzen, die zu erleiden sind, haben nicht abgenommen. Im Gegenteil: Durch die hohe Stichfrequenz, mit der die Nadeln bis zu 4mm unter die Haut gestochen werden, ist das Leiden eher größer.

Welche Farben kommen zum Einsatz?
Generell müssen sie folgende Eigenschaften haben: unlöslich in Wasser, thermisch stabil, stabil auch gegen UV-Licht, nicht toxisch, "unsichtbar" für das Immunsystem. Prof. Roth machte deutlich: Es gibt kein Farbpigment, das alle Voraussetzungen erfüllt. Aus dem Pool der anorganischen Pigmente kommen vor allem Carbon black (Ruß) und Titanweiß (Titandioxid) zum Einsatz. Daneben werden noch Eisenoxide verwendet, die aber wegen ihres hohen Nickelanteils häufig Allergien auslösen. Wird ein farbiger Hautschmuck gewünscht, fällt die Wahl auf organische Pigmente. Aus chemischer Sicht kommen heute, so Prof. Roth, Hightech-Farben unter die Haut. Durch Zugabe von Tensiden, Verdickungsmitteln, etc. wird die Stabilität und Viskosität garantiert.

Was passiert mit den eintätowierten Pigmenten?
Im Idealfall bleiben sie lebenslang dort, wo sie eingestochen wurden. Sie verkapseln sich in der Dermis.
Es ist auch möglich, dass Farbpartikel mit der Lymphe in die Lymphknoten wandern. Welch langfristige gesundheitliche Risiken das in sich birgt, ist noch nicht bekannt. Das Tierschutzgesetz verbietet Experimente an Schweinen.

Besonders problematisch ist der Abbau der Azofarbstoffe. Unpolare Arylamine wirken karzinogen. Deshalb sind sie in Deutschland verboten. Doch finden viele Tätowierungen im Graubereich statt: keine geregelte Ausbildung, fehlende oder falsche Deklaration der gebrauchsfertigen Farben, mangelnde Hygiene, keine oder zu geringe Aufklärung der Kundschaft über Risiken. Letztlich liegt es in der Verantwortung des Einzelnen, einen so drastischen Eingriff vornehmen zu lassen.

Das böse Erwachen kommt spätestens dann, wenn das Gestochene nicht mehr gefällt, der auf der Haut verewigte Name des Verflossenen unbedingt und schnellstens weg muss.

Prof. Roth stellte vier Methoden vor, mit denen ein Tattoo entfernt bzw. verändert werden kann. Letzteres geschieht durch geschicktes Überstechen mit einem neuen Motiv. Die chirurgische Entfernung ist ebenfalls möglich. Außerdem kommt Lasern in Frage. Dabei werden die Farbpigmente hochgradig erhitzt, es bildet sich eine Art Druckwelle, die die Zerstörung der Partikel bewirkt. Ähnlich wie das Tätowieren an sich ist auch die Laserbehandlung mit Komplikationen wie Entzündungen, Allergien, Vernarbungen etc. verbunden.

Es gibt zahlreiche Gründe, sich tätowieren zu lassen, sich Namen, Symbole, Bilder, chemische Formeln in die Haut stechen zu lassen. Doch sollte jedem, der sich solch einer Prozedur unterzieht, klar sein: Die (Farb-) Chemie geht wortwörtlich ein Leben lang unter die Haut, die Risiken sind nicht kalkulierbar. Prof. Roth brachte es auf den Punkt:
"Think before you ink!"

Angela Schmitt-Bucher

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Mittwoch, 4. Oktober 2017, 15.00 Uhr
Vortrag am Institut Dr. Flad
 
Prof. Dr. Klaus Roth
Tattoo - Chemie, die unter die Haut geht
Prof. Dr. Klaus Roth: Tattoo - Chemie, die unter die Haut geht
 

"Es gibt keine Nation, von den Polargebieten im Norden bis nach Neuseeland im Süden, in der sich die Einwohner nicht tätowieren" berichtete Charles Darwin in seiner "Entstehung der Arten". Die gegenwärtige Renaissance der Tätowierung greift somit nur eine in vielen Kulturkreisen über viele Jahrhunderte gepflegte Tradition auf. 2009 war bereits jeder vierte Deutsche im Alter von 25 bis 34 Jahren tätowiert und in Europa über 100 Millionen Menschen.

Der Tätowierungsprozess ist ein tiefer Eingriff in die Haut und mit gesundheitlichen Risiken verbunden, die es zu minimieren gilt. Das Tattoostudio, der Tätowierer, die Farben und vor allem der zu Tätowierende können zum Erfolg beitragen. Verfolgen wir deswegen eine Tätowierung von Anbeginn aus chemischer Sicht.

 
 
Prof. Dr. Klaus Roth Prof. Dr. Klaus Roth

Promotion (summa cum laude) und Habilitation an der FU Berlin, 9 Jahre Forschungsaufenthalt in London und San Francisco, ab 2000 Prof. am Institut für Chemie an der FU Berlin. Weltweite Mitgliedschaften. 2 Patente, ca. 160 Publikationen, 5 Bücher, 2008 Schriftstellerpreis der GDCh für das Buch "Chemische Delikatessen".

 

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